Spricht man von Armutsgefährdung in Österreich, bekommt man nur ein sehr unklares Bild, warnte Wifo-Expertin Christine Mayrhuber am Donnerstag bei einem Pressegespräch veranstaltet vom Wissenschaftsnetzwerk Diskurs.

Schuld daran seien unzureichende, veraltete Daten und die Tatsache, dass dafür oft nur die Einkommen betrachtet werden. Dies ist besonders derzeit unbefriedigend, steigen doch die Preise aktuell erheblich, während die Einkommen sich (noch) kaum verändern.

Die Armutsgefährdungsquote liegt hierzulande bei 14,1 Prozent, das sind - oder besser: waren - etwa 1,3 Millionen Menschen. Dabei handelt es sich aber um Daten von 2021. Seither sind die Preise allerdings stark gestiegen. Die Inflation hat im Oktober in Österreich, verglichen mit dem Oktober 2021, mit 11 Prozent ein neues Hoch erreicht, wie die Statistik Austria am Donnerstag mitteilte. Man muss also die Konsumausgaben miteinbeziehen, um klarer zu sehen, wer hierzulande tatsächlich mit Armut kämpft. Dafür gibt es als Datenbasis etwa den Verbraucherpreisindex (VPI), der seit Mitte 2021 "deutlich zugelegt hat", wie Mayrhuber betont. Noch besser sieht man die Preissteigerungen beim Miniwarenkorb, der mit seinen 55 ausgewählten Gütern in etwa einem Wocheneinkauf entspricht. Dieser ist stärker angestiegen als der VPI. Am deutlichsten bildet allerdings der Mikrowarenkorb, der den Tageseinkauf umfasst, die Konsumausgaben ab. "Wie stark die Preissteigerung wirklich ist, hängt also sehr davon ab, welchen Indikator man sich ansieht", so Mayrhuber.

Von Sprit bis Wohnen

Zudem wirken sich die Preissteigerungen sehr unterschiedlich auf die diversen Bevölkerungsschichten aus. Während die niedrigsten Einkommen mit 52 Prozent am meisten für Wohnen, Bekleidung und Ernährung ausgeben, sind es bei höheren Einkommen nur etwa 30 Prozent.

Umgekehrt verhält es sich bei den "Verkehrskosten", zu denen auch der Sprit zählt. Hier geben die oberen Einkommensschichten mehr aus, können dies aber leichter kompensieren. Hohe Spritkosten wirken sich somit tatsächlich weniger fatal auf die Zunahme der Armut in Österreich aus. Christine Friedl vom Energieinstitut der Johannes Kepler Universität Linz untersucht seit Jahren die Energiearmut in Österreich in Bezug auf das Wohnen. "Besonders armutsgefährdete Haushalte wenden überproportional viel für Energie auf", weiß sie. Die aussagekräftigsten Daten hierfür bietet die SILC-Erhebung der EU, besonders die Frage "Sind Sie in der Lage, Ihre Wohnung angemessen warm zu halten?"

2021 gaben zwei Prozent aller heimischen Haushalte an, ihre Wohnung nicht mehr angemessen warmhalten zu können. Im zweiten Quartal 2022 waren es schon 9,2 Prozent, mehr als eine Vervierfachung seit Beginn der Energiekrise, erläuterte Statistik Austria-Generaldirektor Tobias Thomas erst am Mittwoch dazu.

Maßnahmen gegen Energiearmut müssten Einkommenssteigerungen, thermische Gebäudesanierung, Geräteaustausch und auch niederschwellige Beratungen zum Thema Energie umfassen, folgert Friedl. Einmalzahlungen seien nur kurzfristig hilfreich und würden die Situation nicht grundsätzlich verbessern. Zudem müssten derartige Hilfen künftig viel stärker auf niedrige Einkommen zugeschnitten werden.