Etwas Dampf ist aus dem Kochtopf entwichen, doch der Druck ist immer noch hoch. Mit diesem Bild könnte man die aktuellen Entwicklungen rund um den Preisauftrieb beschreiben. Im November hat sich die seit vielen Monaten von Rekord zu Rekord eilende Inflation zum ersten Mal sowohl in Österreich als auch in der Eurozone leicht abgeschwächt.

In Österreich lag die Teuerungsrate im Jahresabstand bei 10,6 Prozent, wie eine Schnellschätzung der Statistik Austria ergab (endgültige Zahlen sollen am 16. Dezember folgen). Noch im Oktober war die Inflation mit 11,0 Prozent auf den höchsten Wert seit sieben Jahrzehnten geklettert.

Dass die Preise bei den größten Inflationstreibern - Haushaltsenergie und Sprit - zuletzt rückläufig waren, sorgte auch im gesamten Euroraum für eine moderat geringere Inflation im November. Einer ersten Schätzung der EU-Statistikbehörde Eurostat zufolge sank die durchschnittliche Rate auf 10,0 Prozent, nachdem sie im Oktober mit 10,6 Prozent auf das höchste Niveau in der mehr als 20-jährigen Geschichte des Euro gestiegen war.

Preisschub bei Nahrungsmitteln

"Erstmals seit Juni 2021 ist die Inflationsrate in der Eurozone nicht weiter gestiegen, doch von einer Entspannung kann bei Weitem nicht die Rede sein", sagt Ulrike Kastens, eine Ökonomin des zur Deutschen Bank gehörenden Vermögensverwalters DWS. "Auch im November war die Inflationsrate zweistellig." Was Kastens dabei zu denken gibt, ist der weitere Anstieg der Nahrungsmittelpreise um 13,6 Prozent. "Das lässt vor allem die gefühlte Inflation noch höher erscheinen", betont die für Europa zuständige Volkswirtin.

Mit Blick auf die November-Inflation spricht sie daher von einer "kurzfristigen Atempause". Der Höhepunkt der Inflation sollte aber um den Jahreswechsel erreicht sein, meint Kastens unter Hinweis auf die Gas- und Strompreisbremsen in vielen Staaten, die entlastend wirken sollten. Aus ihrer Sicht dürfte sich der Fokus der Europäischen Zentralbank (EZB) dann aber auf die Kerninflation verlagern, bei der man Lebensmittel- und Energiepreise nicht berücksichtigt. Kastens ist jedenfalls überzeugt, dass die Kerninflationsrate, die sich in der Eurozone im November unverändert auf 5,0 Prozent belief, "durch Lohnsteigerungen, Knappheiten am Arbeitsmarkt und kosteninduzierte Preiserhöhungen" hoch bleiben werde.

Insofern sei die EZB "weiterhin gefordert, die Leitzinsen auch in den restriktiven Bereich anzuheben", sagt die DWS-Ökonomin. "Wir rechnen auf Sicht der kommenden Monate mit einer Erhöhung der Leitzinsen um weitere 150 Basispunkte (1,5 Prozentpunkte, Anm. d. Red.)." Der Einlagensatz, den Banken für das Parken überschüssiger Liquidität von der EZB erhalten und der am Finanzmarkt aktuell als der maßgebliche Zinssatz gilt, würde dann bei 3,00 Prozent liegen.

In der EZB glaubt man, dass der Gipfel des Preisauftriebes mittlerweile erreicht ist. "Ich denke, dass wir den Höchststand erreicht haben, vielleicht mit einer Dezimalstelle mehr oder weniger", erklärte EZB-Vizechef Luis des Guindos vor wenigen Tagen. In den nächsten Monaten werde die Inflationsrate voraussichtlich um das aktuelle Niveau herum pendeln, für das erste Halbjahr 2023 sei dann mit einem Rückgang zu rechnen.

EZB vor weiteren Zinsschritten

Die Bekämpfung der rasant steigenden Verbraucherpreise ist für die Euro-Währungshüter damit freilich bis auf Weiteres nicht vorbei. Die EZB sieht Preisstabilität bei einer Inflation von 2 Prozent, von diesem Ziel ist sie nach wie vor weit entfernt. Daher räumt sie auch ein, dass weitere Zinserhöhungen notwendig sind, mit denen Kredite verteuert und die Konsumnachfrage gebremst werden sollen, um die ausgeuferte Inflation unter Kontrolle zu bringen. Selbst um den Preis gedämpfter Wirtschaftsaktivitäten.

Ihre jahrelange Nullzinspolitik zur Stützung der Konjunktur und wegen Corona hat die EZB im Juli beendet. Seither hat sie ihre Schlüsselsätze in drei Schritten um insgesamt 2,0 Prozentpunkte erhöht. Zuletzt setzte sie dabei im September und im Oktober die Zinsen in ungewöhnlichen hohen Schritten um je 0,75 Prozentpunkte hinauf.

Am 15. Dezember steht das nächste Zinsmeeting des EZB-Rates an. Dass sich die Inflation im Währungsgebiet im November erstmals seit langem vom bisherigen Rekordniveau verabschiedet hat, dürfte jenen Ratsmitgliedern Argumente liefern, die eine nicht ganz so kräftige Zinserhöhung befürworten. Robert Holzmann, Chef der Oesterreichischen Nationalbank, hatte zuletzt vor Journalisten erklärt, dass eine weitere Anhebung um 0,50 oder 0,75 Prozentpunkte in Diskussion sei. An den Finanzmärkten wird für die Dezember-Sitzung der EZB inzwischen mit einer Zinserhöhung um 50 Basispunkte gerechnet.