In der Gastronomie, im Handwerk, in der Industrie, selbst in der Medizin: Österreichweit fehlt es an Personal. "Aus dem Fachkräftemangel ist längst ein Arbeitskräftemangel geworden", sagt Andreas Berger, Leiter der Abteilung Human Resources beim Feuerwehrausrüster Rosenbauer. Ende November wies das Arbeitsmarktservice (AMS) rund 31.0000 offene Stellen allein in Oberösterreich aus. "Es angeln alle im selben Teich, aber da sind nicht mehr viele Fische drinnen", schildert Berger das Match um Mitarbeiter. Das Problem: zu wenige Kandidaten. Hinzu kommt, dass in Österreich mehr als die Hälfte aller Frauen in Teilzeit arbeitet. Im europäischen Vergleich weisen nur die Niederlande und Schweiz höhere Werte aus - oft fehlt hierzulande das Betreuungsangebot.

Die Gründe für den leer gefegten Arbeitsmarkt sind vielfältig: Die geburtenreichen Jahrgänge der 1960er Jahre ("Baby-Boomer") gehen in Pension, die Geburtenrate hat sich seither fast halbiert und die Lehre hat vielerorts ein Imageproblem. Der Ruf nach qualifizierten Arbeitskräften aus EU-Drittstaaten wird immer lauter, während österreichweit seit Jahren ein Ausbau der Kinderbetreuung gefordert wird. Doch welches Potenzial bieten Krabbelstuben, Kindergärten und Co.?

Rosenbauer ist in der Welt der Feuerwehrtechnik zuhause. - © Rosenbauer International AG / C. Stummer
Rosenbauer ist in der Welt der Feuerwehrtechnik zuhause. - © Rosenbauer International AG / C. Stummer

In Oberösterreich arbeitete im vergangenen Jahr mehr als jede zweite Frau in Teilzeit. Mehr als jede dritte tut dies laut Statistik Austria aufgrund persönlicher oder familiärer Verpflichtung, wie Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen. Experten zufolge wäre es allein in Oberösterreich möglich, die Arbeitsleistung um 4.500 Vollzeitkräfte aufzustocken, würden Frauen in Teilzeit eine Stunde länger arbeiten.

Während sich vor allem nordeuropäische und skandinavische Staaten beim Anteil der Kinderbetreuungsquote an der Spitze platzieren, liegt Österreich nach jüngster Eurostat Umfrage im unteren Drittel. So werden in Dänemark, den Niederlanden, Luxemburg und Norwegen mehr als drei von fünf Sprösslingen öffentlich betreut, während das in Österreich auf nur jedes fünfte Kleinkind zutrifft. Was in Skandinavien somit die Norm ist, wird in Österreich kritischer gesehen: "Wenn man hierzulande gleich wieder ins Berufsleben einsteigt, ist man im Regelfall keine gute Mutter - landläufig gemeint", sagt Berger.

Drei Firmen, ein Kindergarten

Neben der Konzernzentrale in Leonding, einer 30.000 einwohnerstarken Gemeinde im Linzer Speckgürtel, baute die Firma Rosenbauer 2015 die betriebsübergreifende Krabbelstube Villa RoSiPez. Koordiniert wurde das Projekt vom Programm Kompass der Standortagentur "Business Upper Austria". Sie war es auch, die vorab die Gespräche mit den Firmen Silhouette International Schmied AG und der PEZ/Haas Gruppe führte. Heute teilen sich die drei Betriebe die Kosten der 20 Betreuungsplätze - rund 11.000 Euro Abgang pro Kind. Der Preis für die Mitarbeiter orientiere sich an jenem, der auch für öffentliche Krabbelstuben anfallen würde.

Dass eine betriebliche Kinderbetreuung sieben Jahre später auch Arbeitskräfte anziehen könnte, spielte bei der Eröffnung noch keine Rolle: "In erster Linie haben wir die Idee gut gefunden, uns war auch die Wirksamkeit am Arbeitsmarkt noch gar nicht so bewusst", so Berger.

Vereinbarkeit ist Thema

Keine fünf Jahre später wurde genau dieser Effekt sichtbar: "Die Krabbelstube ist für uns schon ein Thema geworden, bevor ich hier angefangen habe", sagt Rene Schellhorn. Er ist seit Jänner 2020 Teil des Unternehmens und in der Buchhaltung tätig. Die betriebliche Kinderbetreuung ist für die Familie in vielerlei Hinsicht ein Vorteil: "Was für die Krabbelstube bei Rosenbauer gesprochen hat, ist, dass es bis auf die zwei Wochen Weihnachten und eine Woche zu Ostern keine wirklichen Ferien gibt." Zwar hätte es in Leonding sieben öffentliche Krabbelstuben gegeben - aufgrund der Öffnungs- und Ferienzeiten habe man sich aber für jene neben der Firmenzentrale entschieden. Nicht nur, aber auch deshalb "ist meine Frau nach dem einen Jahr Karenz wieder berufstätig geworden und arbeitet mittlerweile wieder fast 30 Stunden".

Aufgrund der Nähe zum Arbeitsplatz spart sich die Familie außerdem ein Auto: "Wir fahren in der Früh alle zusammen los, geben unseren Sohn in der Krabbelstube ab, meine Frau fährt dann weiter in ihre Arbeit, kommt danach wieder, lässt das Auto meistens hier stehen und dann fahren die beiden gemeinsam mit dem Bus oder der LiLo (Anm. Linzer Lokalbahn) nach Hause und ich komme nach Dienstschluss nach." Den Vorteil der kurzen gemeinsamen Wege sieht Schellhorn als größten Vorteil: "Das bedeutet für uns natürlich auch mehr Familienzeit."

Neben sozialen Zugeständnissen werben Betriebe immer öfter mit neuen Vorteilen für Mitarbeiter: unbegrenzter Urlaub - etwa bei der Krypto-Handelsplattform Bitpanda -, Sportprogramme während der Arbeitszeit oder einem täglichen Brunch. "Wir sind ein Industriebetrieb: Wir haben keinen Brunch, sondern eine Jausenstation, keinen Barista, sondern einen Kaffeeautomaten, und auch bei uns wird das Arbeitsgewand wöchentlich abgeholt und gewaschen zurückgebracht", spricht Berger die Möglichkeiten der verschiedenen Branchen an.

Auch habe man beim Feuerwehrausrüster eine positive Haltung gegenüber dem Homeoffice - jedoch arbeite die Hälfte der Belegschaft in der Produktion: "Homeoffice wird sich somit nicht für alle Mitarbeiter ausgehen, weil man sich das Feuerwehrauto nicht nach Hause mitnehmen und am Carport weiterarbeiten kann."

Soziale Benefits statt Geld

Diensthandys, Öffi-Tickets, Jobrad oder Firmensport. Während materielle, mobile und gesundheitliche Benefits ihren Plafonds langsam erreichen, schlummert in sozialen Vorteilen noch Potenzial. In Leonding nutzen elf Familien von Mitarbeitern der Firma Rosenbauer die betriebsübergreifende Krabbelstube.

Möglichkeiten, das Betreuungsangebot am Standort zu erweitern, gebe es laut Andreas Berger: "Wir hätten auch noch Kapazitäten. Wir haben damals überlegt und auch danach gebaut, ob wir nicht irgendwann eine Tageselterneinrichtung (Anm. Nachmittagsbetreuung von Kindern bis zum 14 Lebensjahr) dranhängen oder noch eine dritte Gruppe einrichten - aktuell geht es sich, so wie es ist, sehr gut aus."