Inflation und stark steigende Kosten für Energie, Personal und Rohstoffe - Österreichs Unternehmen müssen sich derzeit vielen Herausforderungen gleichzeitig stellen, mit teils fatalen Folgen: "Angesichts der Vielzahl an Baustellen, mit denen sich die heimische Wirtschaft herumschlagen muss, ist es keine Überraschung, dass die Zahl der Firmenpleiten gegenüber dem Vorjahr um mehr als die Hälfte gestiegen ist", erklärt Karl-Heinz Götze, Leiter Insolvenz beim KSV1870 am Mittwoch vor Journalisten in Wien.

Seit Jahresbeginn 2022 wurden in Österreich 4.770 Unternehmensinsolvenzen gezählt, das ist ein Plus von 57,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Worst Case abseits der Konkursstatistik

Gleichzeitig weist man von Seiten des KSV1870 darauf hin, dass in diesen Zahlen jene Fälle, die mangels Kostendeckung abgewiesen werden mussten, gar nicht repräsentiert sind. Auch diese sind gestiegen, und zwar von 974 auf 1.874 Fälle.

"Wird eine Pleite mangels Kostendeckung nicht eröffnet, sind im Unternehmen nicht einmal mehr 4.000 Euro verfügbar, um Gerichtskosten zu finanzieren", erklärt Götze.

Das sei der "Worst Case", denn die Firma verliere ihre Gewerbeberechtigung, werde liquidiert, die Mitarbeiter verlören ihre Jobs und die Gläubiger bekämen nichts. "Das ist ein Zeichen dafür, dass mit dem Insolvenzantrag zugewartet wurde, bis gar nichts mehr geht."

Jüngste Pleite: Bertsch in Vorarlberg

Die Passiva bei den Unternehmenspleiten erhöhten sich heuer auf insgesamt 2.235 Millionen Euro, das ist ein Plus von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Hierin bereits enthalten ist der jüngste Konkurs des Kraftwerksbauers Bertsch aus Vorarlberg, der Mittwochfrüh Insolvenz anmeldete. Dieser weist alleine 138,3 Millionen Euro an Passiva auf, womit es sich um die zweitgrößte Firmenpleite des Jahres in Österreich handelt, nach der CPI Gruppe mit rund 220 Millionen Euro Passiva.

Insgesamt ist die Zahl der Firmenpleiten deutlich stärker gestiegen als die Höhe der Passiva. "Dadurch bestätigt sich der jüngste Trend: Unternehmensinsolvenzen werden kleinteiliger", so der KSV1870.

23 Privatkonkurse pro Tag vor Gericht

Auch die Privatkonkurse sind 2022 angestiegen, um 15 Prozent gegenüber 2021, haben die Kreditschützer beobachtet. Das bedeutet, dass in Österreich im Schnitt 23 Fälle pro Tag vor den Gerichten eröffnet werden. Durchschnittlich wurden rund 108.000 Euro Schulden pro Person bei Privatkonkursen angemeldet. "Die massiven Preissteigerungen und die hohe Inflation bringen das Fass häufig zum Überlaufen", hat Götze beobachtet. Zusätzlichen Auftrieb erhielten die Privatkonkurse, wie erwartet, noch durch das Inkrafttreten der Insolvenznovelle im Juli 2021.

Die Kreditschützer erwarten, einen Anstieg der Pleiten bei Firmen wie bei Privatpersonen für 2023. Sie prognostizieren bis zu 6.000 Fälle bei Firmenpleiten. Das wären rund 1.000 Fälle mehr als vor der Corona-Krise. Man befinde sich hier noch "in einer Phase der Normalisierung des Insolvenzgeschehens", heißt es dazu.

Aufgrund der angespannten Situation für die Menschen in Österreich sei zudem davon auszugehen, dass es "2023 bis zu 10.000 private Pleiten geben könnte". Mit Energiekostenzuschüssen, Inflationsanpassungen oder betrieblichen Unterstützungsmodellen könnte diese Entwicklung jedoch noch abgeschwächt werden.(mojo)