Das heurige Jahr hatte es in sich. Kaum war die Corona-Krise allmählich abgeklungen, startete Russland seinen Angriffskrieg in der Ukraine. Gas- und in der Folge Strompreise explodierten und befinden sich immer noch auf einem hohen Niveau. Weltweit schwächelt die Konjunktur, aber: "Die österreichische Volkswirtschaft kommt mit einem blauen Auge durch die Energiepreiskrise", sagte Gabriel Felbermayr, Chef des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo), am Donnerstag bei der Präsentation der Winterprognose von Wifo und IHS.

Das Wifo erwartet für kommendes Jahr eine Abschwächung des realen BIP-Wachstums auf gerade einmal 0,3 Prozent (nach 4,7 Prozent heuer), das IHS geht von 0,4 Prozent (nach 4,8 Prozent) aus. 2024 zieht die Konjunktur wieder an. Das erste Quartal 2023 werde noch einen leichten BIP-Rückgang bringen, "im Frühjahr kommt das Wachstum zurück", so Felbermayr. Vor einem dreiviertel Jahr hätte niemand gedacht, "dass wir jetzt eigentlich relativ gut dastehen", so Klaus Neusser, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS) rückblickend. Zwar sei die Inflation "exorbitant hoch", jedoch seien andere Indikatoren für 2022 "eigentlich recht positiv".

Entspannung an der Inflationsfront

Die Inflationssorgen dürften im kommenden Jahr etwas weniger werden. Denn beide Institutionen sehen bereits Anzeichen für einen Rückgang der Teuerung. 2023 dürften die Verbraucherpreise nur mehr um 6,3 Prozent (IHS) beziehungsweise 6,5 Prozent (Wifo) steigen, nach 8,5 Prozent heuer. Für 2024 werden gar nur mehr 3,5 Prozent beziehungsweise 3,2 Prozent prognostiziert. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt mittelfristig eine Inflation von 2,0 Prozent an.

Das Wifo geht in seiner Prognose davon aus, dass die Sanktionen gegen Russland andauern, aber die Erdgaslieferungen aus Russland nach Europa nicht vollständig eingestellt werden. "Dennoch werden die Preise an den Spot- und Terminmärkten vorerst hoch bleiben", heißt es. In Europa sei erst in der zweiten Jahreshälfte 2023 mit einem allmählichen Rückgang der Erdgaspreise zu rechnen.

"Die Gewerkschaften haben ihren Job gut gemacht", sagte Felbermayr mit Verweis auf die hohen Abschlüsse in der heurigen Herbstlohnrunde. Wie berichtet bekommen die Metaller um 7,4 Prozent mehr Lohn, für die Eisenbahner gibt es 8 Prozent mehr, mindestens aber 480 Euro. Im Handel einigte man sich auf mindestens 7 Prozent bzw. mindestens 145 Euro brutto monatlich. Nettolöhne und -gehälter werden in Österreich laut Prognose 2023 real um durchschnittlich 2,7 Prozent und 2024 um 3,9 Prozent steigen, nach einem Kaufkraftverlust von 2,9 Prozent heuer.

Arbeitslosenquote bleibt niedrig

Die Arbeitslosenquote sollte trotz ungünstiger Konjunktur in den kommenden beiden Jahren mit rund 6,5 Prozent (laut nationaler Definition) niedrig bleiben, so IHS-Prognoseleiter Helmut Hofer. Die Arbeitslosigkeit sei damit so niedrig wie vor der Finanzkrise. "Das Bild am Arbeitsmarkt dreht sich", betonte er. Es gebe keine Angst mehr vor Massenarbeitslosigkeit, ergänzte Felbermayr. Vielmehr herrsche das Phänomen des Arbeitskräfte-Hortens ("labour hoarding"). Dass es keine großen Kündigungswellen gebe, habe psychologisch große Effekte: "Das stabilisiert die Einkommen und das ist wahrscheinlich einer der zentralen Unterschiede zu vorhergegangenen Krisen, auch zu der letzten großen Energiepreiskrise in den 70er Jahren, wo viele wussten, dass das am Arbeitsmarkt massive Auswirkungen haben wird."

In den ersten zehn Monaten 2022 wurde in Österreich laut Wifo aufgrund preisbedingter Einsparungen und der relativ milden Herbst- und Wintermonate deutlich weniger Erdgas verbraucht. Mit dem Rückgang der Wirtschaftsleistung im vierten Quartal dürfte der Jahresverbrauch um 10 Prozent geringer ausfallen als 2021, schätzen die Experten.

Auch der Kraftstoffverbrauch entwickle sich verhalten. Zudem würden infolge einer geringeren Stahlerzeugung etwas weniger Kohle und Koks verfeuert. Insgesamt dürften die Treibhausgasemissionen 2022 daher um 3 Prozent sinken, so die Einschätzung des Wifo. Für 2023 prognostiziert das Institut einen Rückgang um 1,2 Prozent. 2024 dürften die Fortsetzung des Trends in Richtung höherer Energieeffizienz und der weitere Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung und Beheizung die Emissionen dämpfen. "Infolge der konjunkturellen Erholung werden jedoch wieder mehr Treibhausgase emittiert, sodass die Emissionen 2024 insgesamt leicht zunehmen", heißt es.

Haushaltsdefizit hält sich
in Grenzen

Trotz der Coronapandemie und des Krieges hält sich das Defizit der öffentlichen Haushalte in Grenzen und beträgt heuer 3,3 Prozent des BIP. In den nächsten Jahren soll es nach den Berechnungen von Wifo und IHS deutlich unter die Maastricht-Grenze von 3 Prozent sinken, nämlich im Jahr 2023 auf 2 Prozent (IHS: 2,7 Prozent) und 2024 auf 1,6 (IHS: 2,1) Prozent.