Zweite Chance für Lebensmittelreste: Was Bäckereien, Mühlen, Obst- und Gemüseproduzenten nicht mehr verwerten oder verkaufen können, sind die Geschäftsgrundlage von Philip Pauer und seinem Team bei der Welser Insektianer GmbH. Eine wichtige Rolle spielt dabei Hermetia Illucens, die Schwarze Soldatenfliege. Die "Insektianer" mästen in einer Pilotanlage die Fliegenlarven mit einem Substrat aus Lebensmittelabfällen, die von regionalen Unternehmen stammen. Ein Hitzeschock bereitet ihrem kurzen Leben ein Ende.

Die proteinreichen Larven "veredeln" die Reststoffe, indem sie zu Futter für Hunde, Katzen und Hühner sowie in der Fischzucht weiterverarbeitet werden. Der Kot kann als Dünger eingesetzt werden. Kreislaufwirtschaft

Jedes Jahr werden in Österreich etwa eine Million Tonnen Lebensmittel zu Abfall. Pauer und die Insektianer wollen in Wels täglich 100 Tonnen Reste verarbeiten, sobald die Anlage voll ausgebaut ist. Mit einer Fläche von 14.000 Quadratmetern soll sie eine der größten Insektenfarmen Europas werden.

Verlängerung der Wertschöpfungskette

Eines der Partnerunternehmen der Insektianer ist die Frutura GmbH. Im April 2021 eröffnete der steirische Obst- und Gemüsevermarkter und -produzent die Frischedrehscheibe in Oberösterreich und arbeitet seitdem mit den Welsern zusammen. "Die Insektianer bekommen von uns Obst- und Gemüse, das nicht mehr verkehrsfähig ist. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Obst- und Gemüse, das schon faule Stellen hat oder verwelkter Salat", sagt Frutura-Marketingleiter Matthias Czerwinka. Früher habe man dieses Obst- und Gemüse an Kompostierer geliefert. "Durch die Verfütterung an die Insekten kann die Wertschöpfungskette verlängert werden", so Czerwinka.

Die Insektianer sind nicht die ersten und auch nicht einzigen, die hierzulande und in der EU mit Insekten Upcycling von Lebensmittelresten betreiben und damit Futtermittel herstellen. So verarbeitet auch die Ecofly GmbH mit Sitz in Antiesenhofen/Oberösterreich. Das Wiener Start-up Livin Farms startete mit Mehlwurmzuchtanlagen für zuhause und vetreibt mittlerweile auch Anlagen für die industrielle Mast von Larven der Schwarzen Soldatenfliege.

In der EU (und somit auch in Österreich) gelten neben der Hermetia Illucens auch Stubenfliege, Mehlkäfer, Getreideschimmelkäfer, Heimchen, Kurzflügelgrille, Steppengrille und Seidenspinner als Nutztiere und dürfen zu Futtermitteln verarbeitet werden. Das verarbeitete Protein dieser Insekten darf an alle Nutztiere außer an Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen verfüttert werden. Was die Insekten fressen dürfen, ist - so wie für alle anderen Nutztiere - in der Futtermittelhygieneverordnung geregelt, wie aus der Ages (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) zu erfahren war. So dürfen Nutzinsekten nicht mit Küchen- und Speiseabfällen, Fleisch- und Knochenmehl sowie Gülle gefüttert werden.

Futtermittel werden in Österreich streng kontrolliert, um die Sicherheit in der Lebensmittelkette sowie die Gesundheit von Mensch und Tier zu gewährleisten. Das der Ages zugeordnete Bundesamt für Ernährungssicherheit (BAES) zieht jährlich etwa 3.000 Nutztier- beziehungsweise Heimtierfuttermittelproben.

Tiermehl darf wieder verfüttert werden

Wegen der Zuspitzung der BSE-Krise durfte in der EU lange Zeit kein tierisches Eiweiß in Form von Tiermehl an Nutztiere verfüttert werden. Eine Ausnahme bildete Fischmehl. Die nach wie vor anfallenden tierischen Nebenprodukte landeten hauptsächlich auf dem Markt für Heimtierfutter. Viele Landwirte in der Geflügel- und Schweinehaltung ersetzten das als Futtermittel benötigte Eiweiß durch Soja-Importe aus Übersee (USA und Südamerika), wollen diese Abhängigkeit aber verringern.

Seit Herbst 2021 darf wieder Tiermehl an Schweine und Geflügel verfüttert werden. Es gelten jedoch strenge Auflagen, wie das Interspezies-Verfütterungsverbot: Verarbeitete tierische Nebenprodukte vom Schwein dürfen nicht an Schweine, verarbeitete tierische Nebenprodukte von Geflügel dürfen nicht an Geflügel verfüttert werden. Doch die Herstellung von sortenreinem tierischem Protein ist aufwändig. Für Anlagen, die Futter für mehrere Tierarten produzieren, sind getrennte Verarbeitungslinien für Geflügel beziehungsweise Schwein vorgeschrieben. Es werden auch nicht die geringsten Mengen von artfremdem Material toleriert. Laut Futtermittelherstellern lassen sich aber in der Produktions- und Logistikkette ungewollte Vermischungen nicht vermeiden.