Der Beschaffungsexperte Wolfgang Schnellbächer von der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) teilt nicht die Meinung der österreichischen Wirtschaftsforscher, wonach sich die Inflation im kommenden Jahr deutlich einbremsen wird, da sei wohl der "Wunsch Vater des Gedankens", meint Schnellbächer. Aufseiten der Unternehmen seien vor allem Zulieferer die Verlierer der Inflation, während große Konzerne die höheren Preise an ihre Lieferanten weitergeben könnten.

"Diese sehr volkswirtschaftlich orientierten Institute unterschätzen die Intransparenz im System zwischen einkaufenden und verkaufenden Unternehmen", sagte Schnellbächer im Gespräch mit der APA. Es gebe bei den Einkäufern große Unsicherheit, wie viel der Forderungen ihrer Lieferanten gerechtfertigt sei und wie viel man zulassen müsse, um die Zulieferer nicht zu gefährden.

Es gebe auch eine große Differenz zwischen der Konsumenteninflation, die in Deutschland und Österreich zuletzt bei rund 10,5 Prozent lag, und der Produzenteninflation, die bis zu 45 Prozent betragen habe, erklärte Schnellbächer. "Das ist der Nährwert für alle unsere Sorgen gewesen."

Preissteigerung an Konsumenten abwälzen

Früher oder später müssten die Produzenten diese Preissteigerungen an die Konsumenten abwälzen. Zuletzt habe sich die Situation auf der Produzentenseite zwar etwas entspannt und die Teuerung liege jetzt bei knapp 30 Prozent, was vor allem an den höheren Energie- und Rohstoffpreisen liege; Der Spread zwischen Produzenten- und Verbraucherpreisen sei aber "immer noch dermaßen signifikant, dass wir davon ausgehen, dass die Inflation uns in 2023 noch massiv begleiten wird und auch darüber hinaus, weil sie jetzt einfach im System ist".

Was zunächst als Energie- und Rohmaterial-Inflation begonnen habe, übertrage sich auch auf andere Bereiche. "Es wird bleiben und hat sich von der Energieinflation entkoppelt."

"Massive" Gewinnverschiebung

Was ihm Sorgen bereite, sei eine massive Polarisierung: "Es gibt Unternehmen, die massiv gewinnen im Moment, die auf einmal massive Wachstumszahlen haben, weil sie einerseits durch einen starken Einkauf die Inflation an ihre Lieferkette rausdrücken, andererseits aber an ihre eigenen Kunden weitergeben. Das ist gefährlich."

Die Gewinne hätten sich massiv verschoben. "In der Automobilindustrie haben die Zulieferer, von denen ja einige auch in Österreich sitzen, massiv an Gewinnen eingebüßt, wohingegen die OEMs (Original Equipment Manufacturer bzw. Erstausrüster; Anm.) noch vergleichsweise gut dastehen."

"Im Moment passieren Dinge im Markt, die nicht gesund sind", meint Schnellbächer, weshalb er auch für selektive Übergewinnsteuern sei, um diese "sehr ungesunden Imbalancen" teilweise auszugleichen. Dabei gehe es um Unternehmen, die massiv von der Energieknappheit profitieren. Die abgeschöpften Gewinne sollten direkt in Energiesparmaßnahmen investiert werden.

Die staatlichen Unterstützungen, etwa in Form von Energiekostenzuschüssen für Unternehmen und Hilfen für private Haushalte, würden die Inflation noch massiv anheizen, so Schnellbächer. "Was de facto passiert, ist eine Kreditaufnahme. In Deutschland heißt das 'Sondervermögen', das heißt eigentlich nur: Ich reiße die Kreditgrenzen, und im Endeffekt werfe ich Geld auf den Markt. Ich nehme Schulden auf, ich verteile das Geld, ich gebe eben keinen Anreiz, weniger zu heizen, ich gebe einen Anreiz, mehr zu konsumieren, ich mache eine Vielzahl an Haushalten reicher - aber de facto pumpe ich Geld ins System, was sich wiederum auf die Nachfrage auswirkt." Gerade bei einem knappen Gut wie Energie und Gas sei das nicht vernünftig. (apa)