Die Putenhaltung in vielen europäischen Staaten ist im Vergleich zu jener in Österreich oft wenig geregelt, was heimische Erzeuger unter Druck setzt. Nun will immerhin die deutsche Bundesregierung Mindestanforderungen für die Haltung von Mastputen in Deutschland einführen. Ein Eckpunktepapier des grünen Landwirtschaftsministeriums in Berlin sieht etwa vor, dass weniger Tiere in einem Stall gehalten werden dürfen als derzeit üblich, berichten deutsche Medien.

Puten sollen laut dem Papier in die deutsche Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung aufgenommen werden. Bisher existieren laut dem Agrarministerium in Berlin weder auf EU-Ebene noch in Deutschland wesentliche Mindestanforderungen an das Halten der Tiere. Widerstand kommt aus der Branche.

Österreichische Produkte teurer

In Österreich sind die Produktion und das Endprodukt aufgrund strengerer Haltungsbestimmungen teurer. Konsumentinnen und Konsumenten greifen laut einer Umfrage der Landwirtschaftskammer aber vermehrt zu Billigware, in der Gastronomie ist das ohnehin öfters der Fall. Die Putenzüchter stehen zusehends mit größerer Konkurrenz aus dem Ausland konfrontiert. Angeheizt werde die Situation von den Lebensmittelhändlern, die häufig das Billigfleisch neben der heimischen Ware platzieren würden, monierten Agrarier in Österreich erst kürzlich. Putenfleisch aus Polen, Italien, Deutschland kostet in den Regalen nur halb so viel wie heimisches, qualitativer und tiergerechter erzeugtes.

Die rund 200 heimischen Putenbetriebe können den österreichischen Markt etwa zur Hälfte versorgen. Da in der Gastronomie aber nur sehr wenig heimisches Putenfleisch gekauft werde, könne die Branche den Lebensmittelhandel bei frischer Pute mit österreichischer Ware vollständig versorgen, so Branchenvertreter.

70 Prozent mehr Platz

Demnach sind die Haltungsbestimmungen in Österreich EU-weit am strengsten. "Heimische Puten haben etwa 70 Prozent mehr Platz im Stall als in den meisten anderen EU-Ländern", so Michael Wurzer, Geschäftsführer der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Geflügelwirtschaft (ZAG), kürzlich im Gespräch mit der APA. Pro Quadratmeter dürfen maximal zwei große Tiere (40 Kilo) gehalten werden. Zudem sei die Fütterung bereits vor Jahren auf gentechnikfreies Futter umgestellt worden, der Einsatz von Antibiotika habe sich seit 2014 um 65 Prozent reduziert. All das mache die heimische Produktion teuer.

In Deutschland ist nun etwa vorgesehen, dass bei Masthähnen pro Quadratmeter Stallfläche bis zu 40 Kilogramm Lebendgewicht beziehungsweise 1,9 Tiere gehalten werden dürfen. Eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft erlaubt derzeit maximal 58 Kilogramm Lebendgewicht beziehungsweise drei Tiere. Die vorgelegten Eckpunkte seien dabei ausdrücklich als eine Diskussionsgrundlage gedacht und formuliert, so eine Sprecherin des deutschen Agrarministeriums mit.

"Unter den gegenwärtigen konventionellen Haltungsbedingungen (...) treten gesundheitliche Probleme auf", so die Sprecherin laut dpa - etwa Erkrankungen und Verformungen des Skelettapparates, Brustblasen oder Fußballenerkrankungen. Daneben stellten Federpicken und Kannibalismus ein fortbestehendes Problem dar. "Um die Tiere dennoch unter den üblichen Bedingungen mästen zu können, werden zudem immer noch routinemäßig die Schnäbel kupiert, obwohl das Kupieren der Schnäbel durch das Tierschutzgesetz verboten und nur in Ausnahmefällen zulässig ist." Beim Kupieren werden die Schnäbel gekürzt.

Tiergerechte Haltung

Gerade die Reduktion der Besatzdichte werde in diesem Zusammenhang als eine wichtige und geeignete Maßnahme angesehen, um eine tiergerechte Haltung sicherzustellen und zudem perspektivisch auf das Schnabelkupieren verzichten zu können, so die Sprecherin weiter.

Der Geschäftsführer des Zentralverbandes der Geflügelwirtschaft (ZDG), Wolfgang Schleicher, nannte die Pläne in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" eine "realitätsverweigernde Traumtänzerei". Sie läuteten das Ende der deutschen Putenhaltung ein. Das Fleisch werde dann günstiger aus dem Ausland importiert.

Der Tierschutzbund forderte indes, nicht nur die Haltungsbedingungen zu verbessern. Auch das routinemäßige Schnabelkürzen bei Putenküken müsse beendet werden. Laut Peter Höffken, Fachleiter des Kampagnenteams bei der Tierschutzorganisation PETA, bedeuten auch die neuen Pläne weiterhin Tierquälerei. "Dass die Geflügelwirtschaft selbst gegen diese minimalen Verbesserungen auf die Barrikaden geht, zeigt die Scham-und Skrupellosigkeit der Branche in ihrem Umgang mit fühlenden Lebewesen." (apa)