Nach einem kriegs- und pandemiebedingt schwierigen Jahr 2022, sehen die Ökonomen der Erste Group eine Verbesserung der Marktlage für 2023. "Vorausgesetzt, es passiert nicht schon wieder etwas Unerwartetes, eine weitere militärische Eskalation", sagt Fritz Mostböck, Leiter Bereich Group Research, am Dienstag vor Journalisten in Wien. "Es ist schwer vorstellbar, dass auf ein solch negatives Jahr ein zweites folgt."

Für den Leitindex ATX soll es heuer nach einem turbulenten Jahr wieder bergauf gehen. Zum einen sind die Gewinnerwartungen der meisten gelisteten Unternehmen hoch. Zum anderen rechnen die Ökonomen mit einer spürbaren Erholung der wirtschaftlichen Situation ab der zweiten Jahreshälfte. Auch der Peak der Inflation dürfte vorerst überschritten sein. Und damit dürfte auch die Europäische Zentralbank (EZB) bei der Anhebung des Leitzinses wieder etwas auf die Bremse steigen. "Wir gehen davon aus, dass die Zinserhöhungen im Mai (Eurozone) und im März (USA) enden werden", heißt es im Ausblick der Erste Group. Auch die hohen Energiepreise dürften wieder sinken.

Flaute zu Ende

Für den Kurs des Wiener ATX sieht die Erste Group heuer ein Aufwärtspotenzial auf bis zu 3.700 Punkte, das entspreche zum derzeitigen Zeitpunkt einem Plus von rund 12 bis 13 Prozent. Das Vorkrisenniveau dürfte damit allerdings noch nicht ganz erreicht werden. Dass der ATX im Vorjahr schlechter abgeschnitten hat als andere Leitindizes, liegt auch an der geografischen Nähe Österreichs zur kriegsgebeutelten Ukraine und der starken Ausrichtung der Unternehmen in Richtung Zentral- und Osteuropa (CEE).

Der CEE-Anteil im ATX liegt derzeit bei 68 Prozent. Allerdings erwartet Erste-Analyst Christoph Schultes in der Region auch ein höheres Wirtschaftswachstum als in der Eurozone. Für das kommende Jahr sieht die Erste Group für die CEE-Länder, in denen sie vertreten ist (Kroatien, Slowenien, Slowakei, Tschechien, Ungarn, Polen, Serbien und Rumänien), im Schnitt ein Wachstum von 0,7 Prozent, für 2024 werden sogar wieder 3,3 Prozent Wachstum erwartet.

CEE-Exposure hoch

Auch wenn die Renditen auf Staatsanleihen wieder gestiegen sind, bei 10-jährigen Anleihen sind es derzeit drei Prozent - seien die Gewinnprognosen bei einigen ATX-Titeln deutlich gestiegen. Als besonders attraktiv bewertet Schultes heuer die teilstaatliche OMV, den Maschinenbauer Andritz, den Ziegel- und Baustoffproduzenten Wienerberger sowie den Premium-Caterer DO&CO.

Trotz der bisher starken Verbindung nach Russland und den Turbulenzen am Gasmarkt, sei der Umbau in Richtung Petrochemie und die Suche nach neuen strategischen Energiepartnern bei der OMV durchaus positiv zu bewerten. Wienerberger könnte wiederum, trotz einer erwarteten Abkühlung am Immobilienmarkt, von einer Sanierungs- und Renovierungsoffensive im Zusammenhang mit dem Erneuerbaren-Ausbau und vom Umrüsten in zahlreichen Haushalten profitieren, meinen die Ökonomen.


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Mit einer höheren Kreditausfallsrate infolge der steigenden Zinsen sei vorerst nicht zu rechnen, meint Mostböck. Das liege auch daran, dass die Banken seit der Finanzkrise 2008 ihr Risikomanagement massiv verbessert hätten. Und auch bei Unternehmen müsse man aus der Sicht Schultes vorerst noch nicht mit einer Investitionsflaute in Folge der gestiegenen Kreditfinanzierungskosten rechnen.(del)