Wien. Der Untergang naht. Erst erwischt es den Euro, dann den Dollar und andere Währungen. Das wirtschaftliche und soziale Gefüge bricht auseinander. Am Ende stockt die Nahrungsmittelversorgung, Strom gibt es längst keinen mehr. Glücklich ist, wer rechtzeitig vorgesorgt hat. Und sein Vermögen zu Gold und Silber gemacht hat. Denn wo die Papierwährung versagt, kann man sich nur mehr auf Edelmetall verlassen. Untergangsszenarien wie dieses sind den Wiener Edelmetall- und Münzhändlern nicht unbekannt. Denn sie sind in Verbindung mit ernüchternden Wirtschaftsnachrichten ein Grund dafür, dass die private Nachfrage nach Gold und Silber seit Jahren steigt. Doch das Bedürfnis nach Absicherung durch Edelmetalle geht über Anhänger dieser Katastrophenvisionen hinaus. Denn Anlagen in Gold und Silber sind längst für weite Kreise der Bevölkerung zum Thema geworden.

"Gold spielt im Alltagsleben heute eine wichtige Rolle", ist Theobald Kovacic, Geschäftsführer des Wiener Münzen-Zentrums, überzeugt. "Noch nie wurde so viel über Gold geschrieben und gesprochen wie derzeit", so der Münzhändler. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Instabilität werden Edelmetalle als sichere Vermögensanlage wiederentdeckt. "Um Werte zu erhalten, hat Gold seine Rolle immer gut gespielt. Es hat geringe Ankaufs-Verkaufsspannen, keine Mehrwertsteuer. Und es ist inflationsgeschützt", spricht Kovacic ein entscheidendes Kriterium an: die Wahrung des Geldwertes.

Crash auf Raten

"Ich rechne zwar nicht mit dem totalen Währungs- und Wirtschaftskollaps, aber ich halte ihn nicht für unmöglich", verrät so ein Edelmetallkäufer, der anonym bleiben möchte. Seine Beweggründe für die Umschichtung seines Vermögens in Gold und Silber? "Die Angst vor der Hyperinflation", so der Käufer gegenüber der "Wiener Zeitung". "Das Vertrauen in typische Sparformen ist weg", stimmt ein weiterer Goldliebhaber zu. "Ich sehe einen Crash auf Raten auf uns zukommen. Mit der Inflation fängt es an, dann kommt die Hyperinflation. Und schließlich die Währungsreform", glaubt der Edelmetallbesitzer.

"Inflation ist für viele unserer Käufer ein wichtiger Punkt", bestätigt Berater Soos vom Wiener Edelmetallhändler Goldvorsorge SOOS. "Ein weiterer ist, dass Länder Gefahr laufen, pleite zu gehen. Die hohen Staatsschulden verunsichern die Menschen", ist er überzeugt. "Ein Großteil der Kunden hat Angst vor einer Geldentwertung. Und viele wollen dem Staat nicht noch mehr Geld geben", berichtet auch Christian Lechner, Geschäftsführer beim Edelmetallhändler Van Goethem.


Herr Meier und die Pensionistin
Da spielt es auch keine Rolle, wenn Analysten vor einer spekulativen Blase warnen. Da Gold keine Dividenden abwirft, aber Lagerkosten verursacht, müsste der Goldpreis bis 2031 schon auf mehr als 4400 Dollar klettern, um mit moderaten Aktiengewinnen mitzuhalten, rechnet John Wadle von Mirae Asset vor. Käufer, die Blut geleckt haben, lassen sich von derartigen Aussagen weniger beeindrucken. Viel mehr Einfluss auf das Kaufverhalten nimmt dagegen die Nachrichtenlage. "Als die Herabstufung der USA (durch die Ratingagentur Standard & Poor’s, Anm.) bekannt wurde, hat sich unser Umsatz verdreifacht", gibt Johann Bauer, Geschäftsführer der Wiener Zweigstelle des Edelmetallunternehmens pro aurum, gar zu Protokoll.

Es sind demnach Sorgen über die Stabilität des Finanzwesens, die inzwischen Menschen aller Alters- und Gesellschaftsschichten in die Edelmetall- und Münzgeschäfte treiben.  "Bis vor eineinhalb Jahren hatten viele unserer Käufer Ausweise von Bundesministerien, jeder zweite verfügte über einen Titel", erinnert sich Soos. Heute ist das anders: "Unsere Käufer kommen nun aus allen Bereichen, es kauft jeder, der Beträge verfügbar hat –der Herr Meier wie die Pensionistin, die Geld aus einem Immobilienbesitz geerbt hat", so der Edelmetallhändler. "Der klassische Edelmetallkäufer war früher 50 bis 70 Jahre alt. Heute kommen knapp über 20-Jährige bis zum 90-Jährigen", erzählt damit übereinstimmend Lechner, dessen Kundschaft seit zwei Jahren jedenfalls längst nicht mehr ausschließlich dem gut informierten Bürgertum zuzurechnen ist.

Woher dieses breite Interesse für Edelmetalle kommt, ist nur zum Teil mit der klassischen Wirtschaftsberichterstattung zu erklären. Denn neben den Mainstream-Medien spielt auch das Internet eine immer größere Rolle. "Ohne Internet wäre die Nachfrage nicht so groß. Dort können sich breite Teile der Bevölkerung sehr gut informieren", so Soos.

Dass das Internet gleichzeitig auch ein guter Nährboden für Schreckensszenarien ist, darf dabei freilich nicht vergessen werden. So sieht etwa Walter K. Eichelburg, Betreiber der in der Szene einflussreichen Seite Hartgeld.com, den herannahenden Zusammenbruch längst kommen: "Das ist das Systemende. Die Konkursverschleppung seit 2008 (…) bringt die Währungen selbst um." Und trifft damit den Nerv einer Community, die sich auf hartgeld-forum.com um den Untergangspropheten formiert hat. Wie man nach totalen Kollaps von Infrastruktur und Stromversorgung kocht, ist hier folglich genauso Thema, wie die Frage, mit was man nach dem Währungszusammenbruch beim Bäcker die Semmeln bezahlt. Der Ton ist ernst und entschlossen. Die Lösung auf viele Fragen hat mit dem Erwerb von Edelmetall zu tun. Nach dem Motto: Je mehr, desto besser.

Maß und Ziel

Das wollen jedoch ausgerechnet Edelmetallhändler so nicht stehen lassen. Denn wer eindimensional veranlagt, gehe unnötige Risiken ein - selbst und gerade bei Edelmetallen. "Wir empfehlen, nur 5 bis 10 Prozent des Vermögens in Gold oder Silber anzulegen", erklärt Bauer. Während sich andere Händler immerhin bis zu 30 Prozent vorstellen können, winkt Kovacic ab: "Es kommt schon vor, dass jemand sein ganzes Vermögen in Gold tauschen will. Da rate ich dann aber ab." Wie bei allen Dingen müsse man auch beim Erwerb von Edelmetallen mit "Maß und Ziel" vorgehen, sind sich die Händler einig. Denn irgendwann, so meinen sie, wird der Tag kommen, an dem der Goldpreis auch wieder sinken wird. Sofern zumindest bis dahin die Welt nicht untergegangen ist.