Wien.

"Das sind Dinge, die passieren im Leben eines Managers nur einmal - und das ist heute": Ziemlich freudestrahlend berichtete OMV-Chef Gerhard Roiss am Mittwoch vom "wahrscheinlich größten Gasfund in der Geschichte des Unternehmens". Die rumänische OMV-Tochter Petrom ist - gemeinsam mit ihrem amerikanischen 50:50-Partner Exxon - 170 Kilometer vor der Küste im Schwarzen Meer in 900 Metern Tiefe auf ein riesiges Gasfeld gestoßen. Bis zu 85 Milliarden Kubikmeter könnten dort unter der Bohrplattform "Neptun" liegen, das wäre der komplette Erdgasbedarf Österreichs für neun Jahre, wie Roiss illustrierte. Obwohl die kommerzielle Förderung des Vorkommens erst nach einigen Jahren und der Investition einiger weiterer Dollar-Milliarden beginnen kann, schoss die Aktie des österreichischen Öl- und Gasriesen an der Wiener Börse um bis zu sechs Prozent in die Höhe - auch dank eines unerwartet hohen Gewinns im vierten Quartal.

111 Dollar Rohölpreis im Jahresdurchschnitt

"Herausfordernd" sei das Jahr gewesen, fasste der seit April als OMV-Chef amtierende Roiss bei der Vorlage seiner ersten Bilanz zusammen, "aber auch erfolgreich". Die OMV hat - vor allem im vierten Quartal - stark vom hohen Ölpreis profitiert: "Wir hatten im Jahr 2011 den höchsten average Ölpreis ever - 111 Dollar das Barrel, im Jahr zuvor waren es noch 80 Dollar", erläuterte Roiss. Der Umsatz stieg um 46 Prozent auf 34 Milliarden Euro, das Konzern-Betriebsergebnis (Ebit) kletterte um sechs Prozent auf knapp 2,5 Milliarden Euro - fast die Hälfte davon lieferte die rumänische Tochter Petrom. Der Periodenüberschuss stieg um 30 Prozent auf mehr als eine Milliarde. Auch die Dividende soll daher um 10 Prozent auf 1,10 Euro je Aktie angehoben werden.

Der "Arabische Frühling" habe sich auf die Branche massiv ausgewirkt: Die Produktionsausfälle in Libyen, im Jemen und in Tunesien hätten zu einer Verknappung des Angebotes geführt und in der Folge zu einem starken Ölpreisanstieg. "Der Rohölpreis ist der höchste, den wir je gesehen haben", derzeit liege er bei 121 Dollar (91,5 Euro), sagte Roiss.

Für das laufende Geschäftsjahr 2012 rechnet die OMV mit einem durchschnittlichen Brent-Rohölpreis von neuerlich "über 100 Dollar" (75,60 Euro) pro Fass. Die Gesamtproduktionsmenge soll heuer steigen. In Libyen soll die Förderung zumindest wieder auf das Niveau vor der Krise steigen - damals kam gut ein Zehntel der OMV-Eigenproduktion aus Libyen, derzeit habe man bereits 85 bis 90 Prozent erreicht, während im Jemen noch alles stillsteht.

Bis 2014 will die OMV jährlich 2,4 Milliarden Euro investieren - eventuelle Zukäufe nicht eingerechnet. Man prüfe Akquisitionsziele im Mittleren Osten, in der Kaspischen Region sowie in Afrika und bereite auch mögliche neue Markteintritte vor. Die Verkaufspläne im Tankstellen- und Raffineriebereich wurden bestätigt: Bis 2014 sollen durch den Verkauf der Tankstellen in Kroatien und Bosnien sowie der 45-Prozent-Beteiligung am Raffinerieverbund Bayernoil rund eine Milliarde Euro hereinkommen.

Nabucco noch später - und vielleicht nur zur Hälfte?

In noch fernere Zukunft verschiebt sich das Gaspipeline-Projekt Nabucco. Die Entscheidung des Shah-Deniz-II-Konsortiums über den Pipeline-Betreiber werde aus heutiger Sicht erst Mitte 2013 fallen, sagte Roiss - noch ein Jahr später als bisher geplant.

Das Gasfeld Shah Deniz II in Aserbaidschan wäre die wichtigste Gasquelle für die Nabucco-Pipeline. Roiss bleibt gelassen: "Wenn sich jetzt aber eine Situation ergibt, dass jemand anderer den türkischen Teil baut - das ist mehr als die Hälfte -, und wir die Chance haben, unser Investment auf Europa zu beschränken, ist mir das sehr angenehm", sagte Roiss - und verwies auf die aktuell weit gediehenen Verhandlungen über das türkisch-aserbaidschanische Transanatolien-Pipeline-Projekt Tanap.

Laut türkischen Pressemeldungen will Premierminister Recep Tayyip Erdogan schon heuer im Frühsommer beim Staatsbesuch in Baku alles klar machen. Auch die EU hat Interesse am Tanap-Projekt signalisiert.