Wien. Scheinrechnungen, überhöhte Vorstandsbezüge, Großskandale à la Telekom und Hypo Alpe Adria - der österreichische Wirtschaftsstandort kämpft in zunehmendem Maße mit einer Vertrauenskrise. Schuld daran sind laut Alfred Brogyányi, Geschäftsführer der Vereinigung Österreichischer Wirtschaftstreuhänder und früherer Präsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder, weniger die gesetzlichen Vorgaben als deren - manchmal offenbar unzureichende - Umsetzung.

Seit 1997 sei der Vorstand laut Aktiengesetz verpflichtet, ein internes Kontrollsystem im Unternehmen einzurichten, erklärt Brogyányi. Überprüft müsse dessen Wirksamkeit durch den Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats werden. "Wenn man das richtig gelebt hätte, gebe es eine Vielzahl der aktuellen Skandale nicht", ist Brogyányi überzeugt.

Der Wirtschaftsprüfer fordert eine neue "Governance" - also eine neue Steuerungs- und Kontrollstruktur -, bei der dem Aufsichtsrat zentrale Bedeutung zukäme: "Es ist nicht damit getan, Sitzungen zu besuchen", betont Brogyányi. Ein Aufsichtsrat müsse sich vorbereiten, Dokumente lesen und Dinge hinterfragen. "Man muss Aufsichtsräte verpflichten, sich mehr mit dem Unternehmen zu beschäftigen und auch das entsprechende Know-how zu haben."

"Kontrolle muss Hürde einer Freundschaft überwinden"


Brogyányi spricht sich für eine Reduzierung der Mandatszahl von Aufsichtsräten aus. Der österreichische Corporate-Governance-Kodex sieht maximal acht Mandate pro Person vor, wobei der Vorsitz doppelt zählt. Das gilt allerdings nur für börsenotierte Unternehmen.

Die gesetzliche Mindestanforderung von einer Aufsichtsratssitzung pro Quartal sei "viel zu wenig", meint Brogyányi. Er spricht sich für mindestens einmal pro Monat aus. Der Corporate-Governance-Kodex verweist zwar darauf, dass es sich im Gesetz lediglich um ein Mindesterfordernis handelt. Eine Alternativ-Zahl bleibt der Kodex derzeit jedoch schuldig. Damit sich Aufsichtsräte intensiver mit ihren Unternehmen befassen könnten, müsste jedoch auch ihre Bezahlung verbessert werden, betont Brogyányi.

Bei der Überprüfung des internen Kontrollsystems sieht der Wirtschaftsprüfer auch seine Branche in der Verantwortung: "Faktum ist, dass der Abschlussprüfer sich das anschauen muss." Allerdings muss laut Gesetzeserläuterungen die Tätigkeit des Prüfungsausschusses hier über jene des Abschlussprüfers hinausreichen. "Das sollte an sich Hand in Hand gehen", meint Brogyányi.

Auf einen - speziell für Österreich, wo größenbedingt in Wirtschaftskreisen jeder jeden kennt - wichtigen Punkt weist der Wirtschaftsprüfer ebenfalls hin: "Kontrolle bedeutet auch, die Hürde einer persönlichen Freundschaft zu überwinden." Ein Aufsichtsrat müsse gegebenenfalls zum Vorstand sagen: "Lieber Freund, das geht so nicht. Ändere das!" Sonst wäre "der Blick für Sachdiskussionen getrübt".