• vom 15.08.2012, 17:22 Uhr

Österreich

Update: 16.08.2012, 10:50 Uhr

Adresshandel

Undurchsichtige Daten-Deals




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  • Adresshandel setzt Datenschutz zu
  • Klare gesetzliche Regelung stößt im Internet an ihre Grenzen.

Wien. Sie sind groß oder klein, jung oder alt, weiblich oder männlich, wohlhabend oder arm. Die Antworten auf diese Fragen wissen Sie – und eine Vielzahl anderer Menschen, die Sie vermutlich nicht einmal kennen. Denn weitgehend unbemerkt von den Betroffenen werden Daten und Informationen über sie gesammelt, analysiert und verwertet. Was als Adresshandel und Direktmarketing auch hierzulande schon seit Jahrzehnten Realität ist, hat durch das Internet einen neuen Aufschwung erfahren. Der Schutz der eigenen Daten droht dabei auf der Strecke zu bleiben.

300 Unternehmen bei einem Umsatz von insgesamt 200 Millionen Euro: Die Branche der heimischen Adresshändler ist relativ überschaubar. Tatsächlich teilen eine Handvoll großer Anbieter den Markt unter sich auf, darunter etwa die Post oder die Schober Group. Letztere hat dabei deutlich mehr im Angebot als lediglich die Postanschrift potenzieller Adressaten. So wird im Web-Shop der Kauf von Zielgruppenpaketen nach Personenmerkmalen wie Alter, Geschlecht, Haushaltsgröße oder Kaufverhalten ermöglicht. Klargestellt wird zugleich, dass man im Rahmen geltender Datenschutzbestimmungen arbeite.

Dass diese relativ strikt sind, räumt Hans Zeger, Obmann der Arge Daten, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" ein. "Das Gewerbe des Adresshandels ist grundsätzlich relativ klar geregelt", sagt der Datenschützer. Dennoch lasse sich eine entscheidende Lücke finden: Gemäß § 151 der Gewerbeordnung dürfen im Adresshandel und dem Direktmarketing persönliche Daten wie Namen, Geschlecht, Anschrift oder Geburtsdatum auch von Dritten verwendet werden, sind also handelbar. Problematisch ist nach Ansicht Zegers allerdings eine spezielle hier angeführte Datenkategorie: die Zugehörigkeit der betroffenen Person zu einer anderen Kunden- und Interessensdatei.

"Dieser Punkt ist das heikle Kriterium", hebt der Datenschützer an, "weil die Zugehörigkeit einer Person zu einer anderen Kundendatei die Möglichkeit eröffnet, beliebig viele Informationen zu einer Person zu kombinieren." Dadurch ließen sich Personen eine Vielzahl von Eigenschaften zuordnen, die über allgemeine Informationen weit hinausgehen.

Datensammelnde Web-Giganten
Auf der Webseite der Schober Group, die einer Stellungnahme nicht nachkam, beruft man sich darauf, dass die detaillierteren Datensätze, über die man verfügt, auf Web-Umfragen und Fragebögen basieren, die zweimal jährlich an Haushalte geschickt werden.

Dass auch auf anderen Wegen erworbene Datensätze Eingang in die Angebote der heimischen Adresshändler finden, ist Kennern der Branche zufolge aber wahrscheinlich. Gerade das Internet, wo von Adressen über Interessen bis hin zu Bonitätsinformationen allein durch das Surfverhalten viel gesammelt werden kann, eröffnet Adresshändlern einen umfangreichen Datenpool. "Im digitalen Zeitalter wird es immer einfacher, gigantische Datenmengen zu speichern, zu verknüpfen und automatisch auszuwerten", erläutert Web-Experte Wolfie Christl. Wie man sich das vorstellen kann, versucht Christl mit dem kostenlosen Online-Spiel "Data Dealer" auf ironische Weise zu vermitteln. Hier muss man Daten aus Gewinnspielen, Partnerbörsen und anderen Anbietern sammeln und zu Geld machen.

In der Realität spielen für Adresshändler vielfach die fleißigsten Datensammler eine Rolle: US-amerikanische Web-Konzerne wie Facebook und Google. In datenschutzrechtlicher Hinsicht wird es dann problematisch, wenn diese Web-Giganten ihre Datenschätze heimischen Adresshändlern zur Verfügung stellen.

Datenschutzbestimmungen umgangen
Dass das längst passiert, glaubt Christl. "Die (heimischen, Anm.) Unternehmen versuchen, Verbindung zu diesen Konzernen herzustellen und Daten-Partnerschaften einzugehen", meint Christl. Das würde die grundsätzlich strengen Datenschutzbestimmungen in Österreich vielfach aushebeln. Die Antwort auf diese Praxis liegt für Zeger auf der Hand: "Wir brauchen mehr Transparenz, nach welchen Kriterien Daten aufgebaut werden", bezieht sich Zeger auf den heiklen Punkt der Gewerbeordnung. "Denn", so meint Zeger, "den Österreichern ist zwar klar, dass man mit ihren Daten viel anstellen kann. Sie gehen aber davon aus, dass es Stellen gibt, die aufpassen, dass nichts passiert." Im Web aber gibt es diese tatsächlich – nicht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-08-13 17:24:59
Letzte Änderung am 2012-08-16 10:50:12


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