Wien. Selten hat ein simpler Fragebogen so viel Wirbel ausgelöst wie jener der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA), mit dem rund 540.000 Selbständige über Zukunftsthemen abstimmen konnten. Nun wurden die Resultate veröffentlicht, und die Aufregung ist nicht minder groß.

Wirtschaftskammer-Präsident und SVA-Obmann Christoph Leitl spricht von einem "erfreulichen Ergebnis". 118.600 Fragebögen kamen zurück. Davon wurden 117.508 ausgewertet, was einer Beteiligung von 21,61 Prozent entspricht. Eines der Ergebnisse: Eine überwiegende Mehrheit (82,9 Prozent) der Versicherten spricht sich für die Beibehaltung des Selbstbehaltes - er beträgt 20 Prozent - und gegen eine Beitragserhöhung aus; nur 17,1 Prozent wollen es genau umgekehrt. Für Leitl ist dies ein eindeutiges Votum für die Beibehaltung des Selbstbehalts. Fast 80 Prozent der Versicherten wollen weiterhin nach Einkommen gestaffelte Beiträge, ergab die Befragung.

"Populistische PR-Aktion"

Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Als einer der Ersten meldete sich Volker Plass, Bundessprecher der Grünen Wirtschaft, zu Wort. Für ihn war die Befragung nichts anderes als eine "populistische PR-Aktion". Die Grüne Wirtschaft hatte gleich nach dem Start der Befragung die Vorgangsweise der Befragung und die Formulierung des Fragebogens heftig kritisiert. Einerseits seien tendenziöse Suggestivfragen gestellt und Tabuthemen wie die Zusammenlegung der Krankenkassen gleich ganz vermieden worden. Andererseits seien wichtige Persönlichkeitsmerkmale der Versicherten wie Betriebsgröße, Einkommen und Gesundheitszustand nicht erhoben worden. Plass: "Dadurch ist weder eine repräsentative Auswertung möglich, noch können wir feststellen, ob sich die Meinung der Gesunden von jener der Kranken oder die Meinung der Geringverdiener von jener der Wohlhabenden unterscheidet." Auch welche spezifischen Bedürfnisse die rund 240.000 Ein-Personen-Unternehmen (EPU) haben, könne man dadurch nicht erkennen, so Plass.

Bereits am Dienstagabend hatten 430 Autoren und Künstler und die "IG Autorinnen Autoren" der SVA eine schriftliche Gemeinschaftsantwort auf ihre Fragen gegeben. Sie kritisieren die "eingeschränkten Antwortmöglichkeiten" und "demagogischen Fragestellungen". Man werde auf reine Beitragszahler reduziert, deren Bedürfnisse keiner gesonderten Beachtung bedürften.

Der Obmann-Stellvertreter der SVA, Peter McDonald, konterte, man wollte mit der Umfrage die Meinung der Gesamtheit der SVA-Versicherten einholen und habe sich vorher über den Fragebogen viele Gedanken gemacht.

"Vorsorgen statt heilen"

Der Präsident des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes, Christoph Matznetter, findet: "Die unehrliche Fragestellung beim Thema Selbstbehalt führt zu einem verzerrten Ergebnis." Dass sich rund 100.000 - von laut SVA 700.000 SVA-Kunden - für die Beibehaltung des Selbstbehaltes ausgesprochen haben, sei "weit von einer Mehrheit der Versicherten entfernt", der Selbstbehalt gehöre abgeschafft.

Was die wichtigsten Zukunftsthemen für Gesetzesänderungen betrifft - in der Befragung konnten aus neun möglichen Antworten maximal drei ausgewählt werden - stehen geringere Beiträge/Selbstbehalte für gesunden Lebensstil ganz oben auf der Wunschliste der SVA-Versicherten: 58,3 Prozent sprachen sich dafür aus. "Unsere Top-Priorität wurde damit eindrucksvoll bestätigt", freut sich Leitl. Das Pilotprojekt "Selbstständig gesund" soll daher nun in den Regelbetrieb übernommen werden. Dabei zahlen Versicherte, die sich mit ihrem Arzt Gesundheitsziele ausmachen und diese auch erreichen, nur den halben Selbstbehalt, also 10 statt 20 Prozent.

"Auch 23.000 SVA-Pensionistinnen und -Pensionisten haben sich an der Umfrage beteiligt und das Modell bestätigt. Für mich liegt der Schluss daraus klar auf der Hand: Im Zuge der Gesundheitsreform soll die Umsetzung ähnlicher Modelle auch in anderen Krankenversicherungen vorgesehen werden", erklärte Ingrid Korosec, Bundesobmann-Stellvertreterin im Österreichischen Seniorenbund und Landesvorsitzende im Wiener Seniorenbund.

Fast jede zweite Unternehmerin über 40 fordert Verbesserungen beim Krankengeld für Selbständige sowie eine Erhöhung des Wochen- und Kinderbetreuungsgeldes. "Das bestätigt unsere langjährigen Forderungen", so Adelheid Fürntrath-Moretti, Bundesvorsitzende von "Frau in der Wirtschaft" (FiW). "Auch wenn uns beim Krankengeld schon ein erfolgreicher Schritt gelungen ist, muss es in Sachen Wochengeld für Selbständige nun raschest zu einer Erhöhung und Anpassung kommen", fordert sie.