Wien. Es waren zumindest teilweise gute Nachrichten, die Christian Kern am Freitag verkünden konnte. Entspannt wirkte der ÖBB-Konzernchef dennoch nicht bei der Präsentation der Bilanz für 2012: "Wir sind keine Phantasten. Es gibt noch viel zu tun, das braucht Zeit", sagte der 47-Jährige. Nach mehreren tiefroten Bilanzen erzielte die Bahngesellschaft im vergangenen Jahr einen Überschuss vor Steuern von 66,5 Millionen Euro - 2011 standen noch minus 28 Millionen zu Buche, zwei Jahre zuvor betrug der Verlust gar 330 Millionen.

Alle drei Teilkonzerne - Personenverkehr, Gütersparte Rail Cargo und Infrastruktur - haben 2012 Gewinn gemacht. Im Personenverkehr stieg die Zahl der Fahrgäste um sieben Prozent auf 224 Millionen; insbesondere durch Nah- und Regionalverkehr. Neben hohen Benzinpreisen, die Kunden zum Umstieg vom Auto auf die Schiene bewegen, führen die ÖBB diesen Erfolg auf die verbesserte Infrastruktur zurück. So hat sich mit Inbetriebnahme der neuen Strecke zwischen Wien und St. Pölten die Fahrzeit zwischen den beiden Landeshauptstädten auf 25 Minuten verkürzt, mit bis zu 230 km/h sind die Züge auf dem Teilstück unterwegs.

Ausgerechnet Verbesserungen wie diese nagen an der Substanz der Bundesbahnen. Der Schuldenstand stieg 2012 weiter und beläuft sich netto auf mehr als 18 Milliarden Euro. Und es geht in dieser Tonart weiter: In den kommenden fünf Jahren werden durchschnittlich zwei Milliarden pro Jahr in die Infrastruktur investiert, bis 2029 rechnet ÖBB-Finanzvorstand Josef Halbmayr mit bis zu 30 Milliarden Schulden brutto bei der Infrastruktur AG.

Finanziellen und politischen Rückenwind verschaffen

Zu verdanken haben die ÖBB ihren Schuldenberg insbesondere umstrittenen und hochpolitischen Großprojekten wie Brenner-Basistunnel, Koralmtunnel und Semmering-Basistunnel. In diesem schwierigen Umfeld versucht Kern laut eigenem Bekunden, die ÖBB zu einem "normalen Unternehmen" umzubauen. Um finanziell handlungsfähig zu sein, soll der Gewinn 2013 auf 90 Millionen steigen, für 2014 sind zwischen 120 und 150 Millionen Euro angepeilt. Die mit unter sechs Prozent sehr magere Eigenkapitalquote soll ebenfalls steigen. Ungeachtet der Lasten will der Vorstand Marktfähigkeit demonstrieren - und sich damit auch Rückenwind gegenüber der Politik verschaffen. Ein Dacapo der öffentlich ausgetragenen Querelen zwischen SPÖ und ÖVP um die Bahn soll um jeden Preis vermieden werden. Zwar ist Ruhe eingekehrt, gegen eine Eigenkapitalspritze durch die Republik legt sich die Volkspartei weiter quer.

"Bieten nicht mehr
drei Tarife für Hunde an"

Auf Rückenwind hofft Kern auch in Sachen Kundenzufriedenheit. "Bisher war eine Beschwerde bei den ÖBB eine Übung, die viel Geduld erfordert", gab der Konzernchef am Freitag zu. Er kündigte besseren Service an. Auch der Tarifdschungel bei den Vorteilskarten soll gerodet werden, Kuriosa wie drei verschiedene Tarife für Hunde sollen der Vergangenheit angehören. Merkbar stolz verkündet die ÖBB-Spitze hingegen einen neuen Mitarbeiter-Tiefstand auf unter 40.000. Auch gab es keine betriebsbedingten Pensionierungen und beim Pensionsantrittsalter nähern sich die ÖBB-Bediensteten an die ASVG-Pensionisten (58,3 Jahre) an - wiederum signalisiert der Vorstand gewonnene Wettbewerbsfähigkeit.

Konkurrenz haben die ÖBB bereits mit der privaten Westbahn. Kern bezifferte den Umsatzverlust auf 15 bis 20 Millionen. Viel stärker fällt die Krise in Europas Güterverkehr ins Gewicht: "Nationale Schrebergärten werden zusammenbrechen", prognostiziert der ÖBB-Chef.