Wien. An der Börse werden Großakquisitionen zunächst mit Skepsis betrachtet. Der Grund dafür ist vor allem die Unsicherheit darüber, ob sie sich auch wirklich rentieren. Die Aktie des Öl- und Gaskonzerns OMV hat am Montag jedenfalls deutlich an Wert verloren. Unter dem Strich ging es um 3,4 Prozent nach unten - auf 33,875 Euro. Zuvor hatte die OMV in der Früh einen milliardenschweren Expansionsschritt in Norwegen und Großbritannien, den mit Abstand größten Zukauf in ihrer Konzerngeschichte, bekanntgegeben.

Insgesamt 2,65 Milliarden Dollar, umgerechnet knapp zwei Milliarden Euro, macht das Wiener Unternehmen für den Erwerb von Beteiligungen an Öl- und Gasfeldern in der Nordsee flüssig. Dabei handelt sich auch um die bisher größte Akquisition in der österreichischen Industriegeschichte.

Keine Kapitalerhöhung zur Finanzierung des Deals

Verkäufer der Beteiligungen ist der norwegische Energieriese Statoil. Der Deal besteht aus vier Blöcken. So umfasst die Transaktion den 19-prozentigen Einstieg bei dem Feld Gullfaks sowie eine 24-prozentige Beteiligung am neu entwickelten Feld Gudrun (beide in norwegischen Gewässern). Daneben stockt die OMV ihre Anteile an zwei britischen Feldern auf, die sich beide westlich der Shetlandinseln befinden - und zwar bei Rosebank von 5,9 auf 11,8 Prozent und bei Schiehallion von 20 auf 50 Prozent. Die Produktion der vier Felder besteht zu 70 Prozent aus Öl und zu 30 Prozent aus Gas.

Das Closing, den Abschluss des Deals, erwartet OMV-Konzernchef Gerhard Roiss um das Jahresende 2013. Was die norwegischen Anteile betrifft, fehlt vor allem noch das Okay des Öl- und Energieministeriums, aber auch des Finanzministeriums in Oslo. Im Fall der Beteiligungen in Großbritannien muss u. a. noch das britische Ministerium für Energie und Klimawandel seinen Sanktus geben.

Finanzieren will die OMV ihr Investment aus Eigenmitteln. Der Cash-Flow - das ist der Geldfluss aus dem laufenden Geschäft - lag zuletzt bei rund 1,6 Milliarden Euro. Man müsse weder einen Kredit aufnehmen noch eine Kapitalerhöhung machen, betonte Roiss in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Zum Teil will das Unternehmen seinen bisher teuersten Zukauf auch aus Erlösen aus Verkäufen von Raffinerie- und Tankstellenaktivitäten finanzieren. So steht bei der OMV schon seit längerem etwa der Ausstieg aus der Bayern Oil an, nachdem sich der Konzern aus dem Tankstellengeschäft in Kroatien und Bosnien-Herzegowina erst vor kurzem zurückgezogen hat.

Fokus nun auf Öl- und Gasförderung gerichtet

Wie berichtet, will das teilstaatliche Unternehmen seinen strategischen Fokus verstärkt auf die Förderung von Öl und Gas, die sogenannten Upstream-Aktivitäten, legen. Die Downstream-Aktivitäten (Raffinerien und Tankstellen) sollen demgegenüber tendenziell zurückgefahren werden.

Mit den vier Feldern erhält die OMV Zugang zu Öl- und Gasreserven im Volumen von 320 Millionen Fass Öläquivalent (boe). Damit steigen die Gesamtreserven des Konzerns auf rund zwei Milliarden boe.

2014 wird sich die Tagesproduktion laut Roiss um 40.000 boe erhöhen, 2016 wird ein Plus von täglich rund 58.000 boe erwartet. Im heurigen ersten Halbjahr lag die Tagesproduktion im Konzern bei 299.000 boe. Die Strategie der OMV sieht Roiss durch die Akquisition massiv unterstützt: "Das ist ein wesentlicher Beitrag, um die Jahresziele 2016 zu erreichen."

Der Deal mit Statoil beinhaltet auch eine künftige Forschungszusammenarbeit zwischen beiden Unternehmen, die vor allem eine verbesserte Förderung aus reifen, also bereits entwickelten Feldern zielt. Mit Statoil vereinbart ist zudem, dass sich die OMV an bis zu elf Explorationslizenzen - auf den Färöer Inseln, westlich der Shetlandinseln und in der norwegischen Nordsee - beteiligen kann. Der Großteil dieser Lizenzen liegt in wenig erforschten Gebieten, wie es bei der OMV heißt. Nichtsdestotrotz spricht man im Konzern von "erheblichem Ressourcenpotenzial".

Für den Gewinn der OMV rechnet Roiss aufgrund der Akquisition für das kommende Jahr mit einem Beitrag von rund 500 Millionen Dollar (375 Millionen Euro). Mit den Ergebnissen in der Nordsee-Region soll ab 2014 unter anderem auch das Wachstum im Schwarzen Meer, das für die OMV eine weitere Kernregion ist und wo der Konzern zuletzt einen riesigen Gasfund gemeldet hat, mitfinanziert werden.

Indes zweifelt die Börse an den von der OMV genannten Erwartungen. Das zumindest vermutet Raiffeisen-Analyst Oleg Galbur als einen der Gründe für die herben Kursverluste der OMV-Aktie am Montag. Der Preis für die Anteile an den Feldern liege zwar im Mittelfeld. Dennoch bestehe bei Börsianern die Befürchtung, dass der Konzern hier "vielleicht" zu tief in die Tasche greife.

Eine "offene Tür" zu den Ölvorkommen in Nordsee

Eine der Sorgen, so Galbur weiter, sei auch, dass es bei reifen Feldern, bei denen bereits gefördert wird, in den kommenden Jahren zu einem "natürlichen Rückgang" kommen könnte. In Summe gebe es momentan zu viele unbekannte Faktoren. Und daher würden es Anleger vorerst vorziehen, OMV-Aktien zu verkaufen oder ihnen fernzubleiben, meint der Analyst. Ungeachtet dessen wertet er die Akquisition, die er in keinem Zusammenhang mit dem kürzlich gescheiterten Gaspipeline-Projekt Nabucco sieht, als "positiv". Der Deal sei eine "offene Tür" zu den Ölvorkommen in der Nordsee.