Wien. (kle/apa) Auch im Handel beginnt nun das alljährliche Feilschen um mehr Geld. Ab heute, Dienstag, wird um einen neuen Kollektivvertrag (KV) für die rund 534.000 Beschäftigten der Branche gerungen. Neben einer ordentlichen Gehaltserhöhung, die über der Inflation liegt, wird die Gewerkschaft GPA-djp auch ihre bisherige Forderung bekräftigen, wonach Handelsangestellte früher in den Genuss der sechsten Urlaubswoche kommen sollen.

Derzeit ist das nur dann der Fall, wenn sie 25 Jahre durchgehend im selben Unternehmen arbeiten. Im Durchschnitt sind Handelsangestellte jedoch nur sieben bis neun Jahre für ein und dieselbe Firma tätig. "Mehr als 90 Prozent sehen die sechste Urlaubswoche nie", kritisiert die Gewerkschaft, die damit ihren neuerlichen Vorstoß untermauert.

Dreier vor dem Komma?


Im Vorjahr einigten sich die Sozialpartner nach sechs Verhandlungsrunden auf ein Gehaltsplus von 2,98 Prozent bei den Angestellten, bei den Lehrlingen waren es 3,1 Prozent. Damit die Beschäftigten keine Kaufkraftverluste erleiden, braucht es heuer aus Sicht der Gewerkschaft den Dreier vor dem Komma sowie ein um 100 Euro höheres Mindestgehalt von 1500 Euro für Vollzeitkräfte.

Die aktuelle Wirtschaftslage im Handel wird von den Arbeitnehmervertretern naturgemäß besser eingeschätzt als von den Arbeitgebern. Während die Gewerkschaft "genug Substanz zum Verteilen" sieht, verweist die Wirtschaftskammer auf die schlechten Ergebnisse vieler Betriebe. Mehr als die Hälfte der Firmen schreibe Verluste oder habe ein negatives Eigenkapital (Letzteres bedeutet, dass die Schulden das Vermögen des Unternehmens übersteigen).

Unterschiedliche Ansätze


Konträr sind die Meinungen auch, welche Inflationsrate als Basis für die Gehaltsverhandlungen herangezogen werden soll. Die Gewerkschaft geht von einer Teuerung von 2,4 Prozent für die abgelaufenen zwölf Monate aus, während die Arbeitgeber die Inflation nur knapp über zwei Prozent pendeln sehen.

Nach dem Marathon des Vorjahres sollen die KV-Verhandlungen heuer in drei Runden über die Bühne gehen. "Wir wollen die Verhandlungen effektiver gestalten", sagt Gewerkschafts-Chefverhandler Franz Georg Brantner. Wie schon 2012 besteht das Verhandlungsteam aus Brantner und Manfred Wolf auf Seiten der Gewerkschaft sowie Peter Buchmüller und Rene Tritscher auf Arbeitgeberseite.

Die Hoffnungen der Handelsbeschäftigten ruhen unterdessen auf dem KV-Abschluss der Metaller, der im Regelfall als Richtwert für die anderen Branchen gilt. Heute, Dienstag, gehen die Verhandlungen des größten Metallfachverbandes FMMI in die nächste Runde, die dritte.

Dabei wird erstmals über eine konkrete Lohnforderung verhandelt. Die Arbeitnehmer wollen eine Lohn- und Gehaltserhöhung von 100 Euro bei den Ist-Gehältern, mindestens jedoch eine Erhöhung um 3,4 Prozent. Verhandelt werden die Löhne und Gehälter von rund 120.000 Beschäftigten (die Gespräche für die weiteren 60.000 Metaller der übrigen fünf Metaller-Fachverbände starten in den kommenden Tagen).

Abgesehen davon, dass FMMI-Obmann Christian Knill die Lohnforderung der Gewerkschaft am Montag als "Sprengsatz" bezeichnete, spießt es sich bisher aber bereits an Grundsätzlichem. Denn bis heuer war es üblich, als Verhandlungsbasis die Teuerungsrate der vergangenen zwölf Monate heranzuziehen. Das wären laut Gewerkschaft 2,4 Prozent. Die Arbeitgeber hingegen - und darin sind sie sich heuer offenbar in allen Branchen einig - wollen nur die aktuelle Inflationsrate gelten lassen. Das sind 2,1 Prozent.

Metaller kampfbereit


Die Arbeitnehmer fühlen sich von den Industriellen nicht ernst genommen. Bereits vor einer Woche zeigten sie sich bei einer Betriebsrätekonferenz in Vösendorf mit Blick auf die bevorstehende dritte Verhandlungsrunde kämpferisch. "Geht es wieder in der bisherigen Tonart weiter, sollten die Arbeitgeber keinen Zweifel daran haben, dass wir auf einen dann notwendigen Arbeitskampf gut vorbereitet sind", so die beiden Chefverhandler auf Gewerkschaftsseite, Karl Proyer (GPA-djp) und Rainer Wimmer (Pro-Ge).

Die Arbeitgeber wiederum sehen im Säbelrasseln der Gewerkschaften lediglich "Mitgliederwerbung". Deren hohe Tarifforderung ignoriere das immer schwieriger werdende Umfeld für die Branche. Einig sind sich beide Seiten nur, dass sich die andere Seite bewegen muss. 2012 waren vier Verhandlungsrunden nötig, ehe es zu einer Einigung kam.