Wien. Er war schon ein besonderes Exemplar. Der ungewaschene Hippie mit langem wallendem Haar, gehüllt in weites, buntes Sackleinen aus Argentinien oder Mexiko, der zu den löchrigen Jeans weiße Socken und Birkenstocksandalen trug. Seine Hauptnahrungsquelle und die seiner blassen Kinder waren biologisch hergestellte Körner, Samen und - zu einer Zeit, als sich niemand etwas darunter vorstellen konnte - Tofu-Brätlinge. Sie wissen, wen ich meine, oder?

Nun ja, dieser Typus Mensch ist so gut wie ausgestorben. Der Vorreiter musste der breiten Masse weichen. Löchrige Jeans gehören mittlerweile zum Büro-Outfit der Kreativen und Bio ist "aus der Rolle der sektiererischen Konsumform in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt", wie es Michael Blass, Geschäftsführer der Agrarmarkt Austria (AMA) Marketing, am Donnerstag ausdrückte. Sprich: Biologisch hergestellte Waren sind vom Nischenprodukt zur Massenware geworden. Besonders stark ist das Marktsegment in den Jahren 1995 bis 2008 gewachsen, von 2008 bis 2013 gab es im Lebensmitteleinzelhandel noch einmal einen Anstieg um 16 Prozent auf fast 116.000 Tonnen Bio-Lebensmittel. Gleichzeitig stieg der Wert der Einkäufe laut AMA um 41 Prozent - es werden also immer hochwertigere Bio-Waren verkauft.

Sieben Anstalten kontrollieren

Doch wer sagt, dass Bio wirklich Bio ist? Es gibt zahlreiche Siegel, Zeichen und Logos, die dem Konsumenten den Weg durch den Bio-Dschungel nicht gerade vereinfachen. Allerdings: "Egal, was für ein Bio-Zeichen es ist, alle Herstellerbetriebe müssen von einer staatlich zertifizierten externen Anstalt kontrolliert werden", sagt Franz Floss vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). Bei allen anderen Bezeichnungen im Lebensmittelhandel - zum Beispiel "Bauernhofgarantie" - sind der Fantasie der Hersteller keine Grenzen gesetzt, oft ohne realen Hintergrund.

Das Mindestmaß ist das EU-Bio-Logo, das auf allen Produkten, die die Regelungen zweier EU-Verordnungen aus 2007 und 2008 einhalten, zwingend angebracht werden muss. Neben dem Logo gibt ein Buchstaben- und Zahlencode Auskunft über Herkunft der Ware und darüber, wo diese geprüft wurde. Österreichweit gibt es sieben zertifizierte unabhängige Prüfstellen. Das Bio-Logo der EU garantiert, dass der Naturschutz eingehalten wird, Nutztiere freien Auslauf haben und gut behandelt werden sowie, dass die Verwendung chemischer Pestizide, Düngemittel und Antibiotika eingeschränkt wird.

Allen anderen Logos und Zeichen in Österreich liegen darüber hinaus gehende Kriterien zu Grunde. So hat die AMA am Donnerstag ihr neues Bio-Güte-Siegel vorgestellt. Während die EU verlangt, dass 95 Prozent eines Produkts aus biologischer Landwirtschaft stammen, sind es für das AMA-Gütesiegel künftig 100 Prozent. Nur nicht-landwirtschaftliche Bestandteile (etwa Salz) müssen nicht zwingend bio sein. Außerdem lässt die EU rund 50 Zusatzstoffe noch als bio zu, bei der AMA wurden diese auf 40 reduziert. Künftig werden Fleischwaren, die Johannisbrotkernmehl, Guarkernmehl oder Xanthan enthalten, kein Bio-Siegel mehr erhalten. Langfristig will man die Liste erlaubter Zusätze auf 25 verringern. Das Siegel gibt es mit rotem oder weißem Rand - je nachdem, ob ein Produkt überwiegend aus Österreich kommt. Wenn Inhaltsstoffe nicht in Österreich produziert werden können (wie Bananen), kann das Produkt dennoch das rot-weiß-rote Siegel erhalten, wenn die internationalen Inhaltsstoffe weniger als ein Drittel der Gesamtmenge ausmachen.

Ein eigenes Logo hat auch der größte Biobauern-Verband Bio Austria, dem 13.000 der 21.000 Biobauern angehören. Auch hier werden strengere Kriterien angesetzt als beim EU-Bio-Logo. Etwa sind EU-weit noch technisch unvermeidbare Verunreinigungen mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) von 0,9 Prozent zugelassen, bei Bio Austria sind es nur 0,1 Prozent.

EU will neue Regeln


Daneben gibt es noch die Bio-Eigenmarken der Supermarktketten wie "Natur Pur" (Spar), "Zurück zum Ursprung" (Hofer) oder "Ja, Natürlich" (Rewe). Alle halten zumindest die EU-Kriterien ein, manche aber auch darüber hinaus, wie ein VKI-Test Ende 2013 ergab. Erst am Dienstag hat EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos strengere europaweite Regeln für den Bio-Landbau angekündigt.

So wie der Mexikanisch-argentinisch-ungewaschene-Birkenstockträger zwar "gesund" lebte, aber doch immer kränklich wirkte, können sich auch die Bio-Bobos von heute nach Gutdünken vergiften. Denn logischerweise ist "eine Bio-Pizza genauso fettig und ungesund wie eine herkömmliche", sagt etwa Floss. Und: "Die Österreicher bringen sich mit Messer und Gabel um, nicht durch Schadstoffe."