Wien. Fairtrade boomt: Die Österreicher kauften 2013 fair gehandelte Produkte um 130 Millionen Euro, 21 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, im Gespräch über Kinderarbeit für Schoko-Osterhasen, den Gütesiegel-Dschungel und das neue Fairtrade-Baumwoll-Programm.

"Wiener Zeitung": Zu Ostern werden wieder unzählige Schokolade-Hasen in den Nestern liegen. Osterhasen aus fairem Handel verstecken sich allerdings gut - sie sind in Supermärkten kaum zu finden.

Hartwig Kirner: Stimmt, aber glücklicherweise gibt es zunehmend Fairtrade-Osterhasen. Gerade die Schokoladeindustrie und der Kakaoanbau sind mit sehr vielen Problemen behaftet. Die überwiegende Menge kommt aus Westafrika, wo sehr große Armut unter den Kakaobauern herrscht und ausbeuterische Kinderarbeit ein Riesenthema ist. Fairtrade kann da eine Lösung sein.

Welche neuen Produkte kommen heuer zu den derzeit 950 Fairtrade-Artikeln in die Regale?

Demnächst wird es Kelly’s-Nüsse mit Fairtrade-Gütesiegel geben. Bei frischen Früchten ist einiges geplant. Bei Kaffee und Schokolade möchten wir einen zweistelligen Marktanteil erreichen.

Durchschnittlich gibt jeder Österreicher 15,43 Euro für Fairtrade-Produkte aus. Ist das nicht recht wenig, gemessen an den gesamten Konsumausgaben?

Auf den gesamten Lebensmittelhandel gerechnet ist es nur ein kleiner Anteil. Aber in Produktkategorien wie Milch oder Fleisch gibt es gar keine Produkte mit Fairtrade-Siegel. Da, wo sich Fairtrade engagiert, gibt es durchaus beachtliche Erfolge: Jede fünfte Banane und mehr als jede dritte importierte Rose stammen in Österreich aus fairem Handel. Bei Kaffee und Kakao liegt der Anteil bei drei bis fünf Prozent. Nichtsdestotrotz reden wir nicht mehr über eine kleine Nische, sondern ein massenmarktfähiges Produkt.

Fairtrade-Kritiker bringen immer wieder die Preise ins Spiel und behaupten, die Produkte sind zu teuer. Zählt am Ende für die Kunden doch nur der Preis?

Man wird Fairtrade nie im untersten Preissegment finden, aber der Preisabstand ist meist geringer, als man denkt. Eine Fairtrade-Bio-Banane ist zum Beispiel mit 2,19 oder 2,29 Euro pro Kilo im Handel praktisch nicht teurer als eine normale Banane, die meist 1,99 Euro je Kilo kostet.

Es gibt unzählige Gütesiegel - auch Zeichen, die sich Hersteller und Handelsketten selbst geben. Wie hebt sich Fairtrade ab?

Das Problem: Je mehr Siegel es gibt, desto geringer ist der Nutzen einzelner Zeichen und desto höher ist die Verwirrung bei den Konsumenten. Sich auf wenige größere Siegel zu konzentrieren, würde für Hersteller Sinn machen. Fairtrade hat eine hohe Bekanntheit und Glaubwürdigkeit.

Fair gehandelte Kleidung wird kaum angeboten. Woran hakt es?

Fairtrade ist in Österreich mit Produkten aus Baumwolle sehr erfolgreich. Der Absatz stieg 2013 um 82 Prozent. Wir sind aber noch nicht dort, wo wir gerne wären. Das Hauptproblem ist, dass die Textilindustrie globalisiert ist: Baumwolle wird beispielsweise in Mali angebaut, woanders versponnen, in Bangladesch geschneidert, gefärbt wird wieder in einem anderen Land. Daher ist es bisher nur in wenigen Fällen gelungen, die Zulieferkette durchgängig zu zertifizieren. Oftmals lassen es der Produktionsprozess oder die Fabriken von Unternehmen nicht zu, die geringe Menge an Fairtrade-Baumwolle separat zu verarbeiten. Deswegen hat bisher nur eine recht beschränkte Zahl an Unternehmen mit Fairtrade zusammengearbeitet. Nur wenige schaffen es, durchgängig zu zertifizieren. Deshalb bringen wir in diesem Jahr ein neues Baumwoll-Programm heraus. Die physische Rückverfolgbarkeit wird hier nicht mehr gefordert, Fairtrade-Baumwolle darf in der Verarbeitung mit Nicht-Fairtrade-Baumwolle vermischt werden. Wie bei Ökostrom wird die Mengenbilanz kontrolliert. Damit sollen die Mengen, die Bauern als Fairtrade verkaufen, deutlich erhöht werden. Derzeit bleiben die Landwirte auf sehr großen Erntemengen sitzen oder müssen sie als normale Baumwolle verkaufen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Kriterien durch den Einfluss von Konzernen aufgeweicht werden?

Genau das passiert nicht, denn die Standards für Bauern ändern sich beim Baumwoll-Programm nicht. Bei Baumwolle schaffen wir es aber derzeit nicht, für große Unternehmen die gesamte Lieferkette ins Auge zu fassen. Jetzt schneiden wir eine Scheibe ab und kümmern uns einmal um den ersten Teil. Textilien mit dem Programmsiegel wird es wohl frühestens 2015 in österreichischen Regalen geben. Künftig wird es aber auch für den Rohstoff Kakao ein Programm-Siegel geben, um den Kakaobauern neue Absatzmöglichkeiten zu eröffnen.

Fairtrade-Gold ist derzeit nur in Holland, Großbritannien und Dänemark erhältlich. Wie weit sind die Bemühungen in Österreich?

Derzeit forcieren Länder wie die Schweiz als der Goldmarkt in Europa schlechthin die Initiative. Das braucht eine längere Vorbereitungszeit, auch in Österreich, denn Gold ist komplex und hat ganz andere Handelsstrukturen als andere Produkte, die Fairtrade zertifiziert.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit großen Konzernen entwickelt?