Wien/Chisinau. In der Republik Moldau* ist vieles obskur: In der Arztpraxis wird erwartet, dass Patienten Geschenke oder Geld für den Medikus dabei haben. Als in der Schule Überwachungskameras installiert wurden, um dem Schummeln Einhalt zu bieten, schafften plötzlich mehr als 40 Prozent die Matura nicht. Und um einen Job zu bekommen, braucht man nicht nur Beziehungen, sondern auch Bargeld.

Moldau als neuer Spielplatz für die Automobilindustrie
Es sind Moldauer, die Geschichten wie diese erzählen, aber vielleicht tun sie ihrem Land mittlerweile Unrecht. "Wir waren positiv überrascht", Korruption sei "überhaupt kein Thema", berichtet Martin Zwotzl, Verkaufsmanager bei Gebauer & Griller. Das österreichische Unternehmen ist seit 2012 in Moldau aktiv, heuer hat der Kabelproduzent den Standort offiziell eröffnet. In der Fabrik in Balti, 130 Kilometer nördlich der Hauptstadt Chisinau, stellen knapp 100 Arbeiter auf fast 9000 Quadratmetern Kabel für die Automobilindustrie her. Die Führungsebene besteht aus Rumänen, die Facharbeiter kommen aus Moldau. Gebauer & Griller hat den Standort eröffnet, um näher bei seinem größten Kunden zu sein, dem deutschen Automobilzulieferer Dräxlmaier.

"Natürlich ist das Land sehr arm, gewisse Dinge wie Fertigbeton- oder Dachelemente gibt es einfach nicht in geeigneter Qualität, das mussten wir aus Rumänien holen", berichtet Zwotzl, zusätzlich würden schlechte Straßen die Arbeit erschweren. Doch spricht er über Moldau, überwiegen die positiven Aspekte: geringe Kosten, unbürokratische Behörden, verbesserte Energieversorgung, keine Spur von Korruption. Nachdem Rumänien lange Zeit ein attraktiver Produktionsstandort war, sei derzeit Serbien beliebt, und laut Zwotzl könnte Moldau der nächste Spielplatz für die Automobilzulieferindustrie werden.

Weniger rosig sieht es für Moldau als Absatzmarkt aus: Hier lebt die ärmste Bevölkerung Europas, das Land ist sehr überschaubar - mit 3,5 Millionen Einwohner etwa so klein wie Belgien - die Verkehrsanbindungen sind schlecht, außer Metro gibt es keine großen Handelsketten.

"Österreich ist in Moldau relativ schwach vertreten"

Einige österreichische Firmen wie Raiffeisen, die Erste Bank (BCR) oder DB-Schenker sind seit vielen Jahren in Moldau aktiv, doch seit der Wirtschaftskrise sind die Investoren zurückhaltend. "Österreich ist in Moldau relativ schwach vertreten", sagt Rudolf Lukavsky, der die österreichische Wirtschaftskammer mit einem Büro in Bukarest vertritt. Und der Schritt nach Moldau birgt etliche Tücken: Da ein Viertel der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter abgewandert ist, fehlen die Fachkräfte. Viele Auslandsmoldauer arbeiten in Russland am Bau, die Frauen sind eher in Spanien oder Italien zu finden. Und um die Waren über die moldauische Grenze zu bekommen, braucht man aufgrund der Zollbestimmungen gute Nerven - oder eine Freihandelszone, was von Chisinau stark unterstützt wird. Auch Gebauer & Griller hat eine solche gepachtet. Und Korruption ist gar kein Thema mehr? Laut einem Bericht von Transparency International glauben 75 Prozent der befragten Moldauer, die politischen Parteien seien korrupt bis sehr korrupt, und 34 Prozent geben an, im vergangenen Jahr Schmiergeld bezahlt zu haben.

"In Österreich muss man dafür bei der Partei oder im CV sein"

"Die Korruption in Moldawien ist nicht mehr verbreitet als anderswo in der Region, und die jetzige Regierung bemüht sich sehr, das Justizsystem zu verbessern", sagt Erhard Busek im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die in Moldau gängige Praxis der "gekauften Stellen" schreckt ihn auch nicht wirklich: "In Österreich muss man dafür bei einer Partei oder beim Cartellverband sein, um eine Stelle zu bekommen." Der ehemalige österreichische Vizekanzler pflegt seit vielen Jahren die Beziehungen zwischen Wien und Chisinau, wo derzeit die zweitägigen "Vienna Economic Talks" stattfinden. Neben Busek selbst werden zahlreiche österreichische Firmen wie die Post, Strabag, Siemens, KommunalKredit und der Pensionistenverband anwesend sein. Doch bei der Konferenz geht es weniger um einzelne Investments, als um allgemeine wirtschaftliche Entwicklungen in der Region.