Wien/Moskau. Mit dem OMV-Börsenkurs ging es Donnerstagnachmittag kräftig nach oben. Die Aktie des teilstaatlichen Öl- und Gaskonzerns legte um fast drei Prozent auf 33,085 Euro zu. Grund für den Kurssprung waren Gerüchte um einen Einstieg von Gazprom. Der russische Energieriese, langjähriger Gaslieferant und Partner der OMV, soll ein Auge auf den 24,9-prozentigen Anteil des arabischen OMV-Großaktionärs Ipic geworfen haben. Gemessen am aktuellen Börsenkurs bringt dieses Aktienpaket rund 2,7 Milliarden Euro auf die Waage. Die Gerüchte tauchten just zwei Tage nach dem Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Wien auf. Dabei unterzeichneten Gazprom und OMV einen Vertrag über den Bau der South Stream-Gasleitung.

Gespräche sollen Ipic und Gazprom bereits geführt haben. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters und beruft sich dabei auf eine mit den Verhandlungen vertraute Person, die namentlich nicht genannt wird. Eine Entscheidung über den Preis sei aber noch nicht gefallen, heißt es weiter. Zuvor hatte der Grün-Abgeordnete Peter Pilz gesagt, er habe "konkrete Hinweise" über Verhandlungen. Ob ein solcher Deal tatsächlich zustande komme, sei offen, zitiert Reuters einen anderen Insider. Gazprom, OMV und Ipic äußerten sich nicht dazu.

Enge Ketten

Die ÖIAG erklärte indessen, keine Hinweise für Ausstiegspläne von Ipic zu haben. Die Staatsholding, größter Einzelaktionär der OMV, hält 31,5 Prozent der Aktien und hat dieses Paket seit vielen Jahren mit jenem von Ipic in einem Syndikatsvertrag gebündelt. Da beide, die ÖIAG und die Araber, zusammen die Mehrheit haben, kontrollieren sie die OMV über diesen Vertrag gemeinsam. Im Finanzministerium hieß es am Donnerstag ebenfalls, dass man keine Anzeichen für einen möglichen Rückzug von Ipic habe. Für einen Ausstieg des traditionsreichen arabischen Partners aus der OMV spricht zweierlei: "Die Araber sind mit der wirtschaftlichen Entwicklung der OMV nicht zufrieden. Dass sie sich mit OMV-Chef Gerhard Roiss persönlich und strategisch entfremdet haben, ist ein offenes Geheimnis", sagt ein Kenner des Staatsfonds aus Abu Dhabi, der namentlich nicht genannt werden möchte. Die OMV habe sich zu sehr auf Veredelung und zu wenig auf Exploration konzentriert.

Aus Gewerkschaftskreisen ist zu vernehmen, dass die Araber auf Roiss böse sind, weil er ihnen ihre 36 Prozent am Kunststoffhersteller Borealis nicht verkaufen wollte. Ipic hält den Rest. "Er ist ihnen zu eigenständig. Gott sei Dank. Der Anteil ist wichtig für den Borealis-Standort in Österreich." Ipic ist stark auf Asien konzentriert. "Ein Ausstieg würde sie nicht tödlich treffen", so der Branchenkenner. "Sie können Asien 100 Jahre mit Öl und Gas beliefern."

Schuss vor den Bug?

Was gegen einen Ausstieg von Abu Dhabi spricht: Zuletzt strebte Ipic bei der OMV nach mehr und nicht nach weniger Einfluss. 2012 sahen Beobachter bereits den Versuch einer feindlichen Übernahme am Horizont, weil Fonds aus dem Einflussbereich der Scheichfamilie OMV-Aktienpakete aus dem Fließhandel zusammengekauft haben sollen. Also doch nur ein Schuss vor den Bug für den renitenten Roiss?

Was aus Sicht der Russen für einen Einstieg bei der OMV spricht: Sie haben das Geld, sie streben nach mehr Einfluss in Europa und sie warfen seit der ersten OMV-Privatisierung ein Auge auf den Austro-Partner. Außerdem sind sie mit Österreich versöhnt, seit das lästige Pipelineprojekt Nabucco abgeblasen wurde. Nabucco, von der OMV angetrieben, hätte Europa von russischem Gas unabhängiger machen sollen. Stattdessen einigte man sich nun auf eine Beteiligung an der russisch-dominierten South-Stream.

"Es war klar, dass die South-Stream-Route nicht von Italien nach Österreich verlegt wird, ohne dass es Zugeständnisse von österreichischer Seite gibt", sagt Energie- und Russland-Experte Gerhard Mangott und zeigt sich nicht verwundert über die Gerüchte. Zwar müsse das Angebot von der Ipic kommen, aber da OMV und Ipic in einem Syndikatsvertrag verbunden sind, müsse es die Bereitschaft für einen Deal vonseiten der OMV geben. Gazprom könne sich den Einstieg leisten. Und dieser würde auch zur strategischen Ausrichtung des Konzerns passen, da der russische Energieriese ohnehin seit Langem versuche, sich in europäische Gasgesellschaften und Gaslagerstätten einzukaufen.

Mangott sieht angesichts der massiven Spannungen zwischen Europa und Russland rund um die Ukrainekrise einen massiven politischen Haken. "Ein eventueller Einstieg in Österreich würde zu intensiven Diskussionen führen." In der Sache selbst sieht er kein Problem: "Beide Gesellschaften arbeiten so intensiv zusammen, dass es nur logisch ist, dass sie dies versuchen, auch wenn es politisch schwer durchsetzbar sein wird."

Veto aus Brüssel?

Mikhail Krutichin, Experte der russischen Energieconsultingfirma "RusEnergy" schlägt in eine ähnliche Kerbe. "Das entspräche völlig der Strategie von Gazprom, die ja versucht, in alle Sektoren des europäischen Gasmarktes einzudringen." Er zweifle aber daran, dass ein solcher Deal den Segen der EU erhalten würde - und diese Zweifel würden größer, je größer das Paket sei, das Gazprom erwerben wolle. Und auch wenn sich Krutichin vorstellen kann, dass Gazprom kleiner anfange, so steht für ihn fest: "Gazprom will immer ein Paket mit einem Kontrollanteil."