Wien. (kle/apa) "Wir haben der kalten Progression die kalte Schulter gezeigt." Mit diesen Worten kommentierte der oberste Bahngewerkschafter Roman Hebenstreit am Donnerstag die nächtliche Einigung bei den Eisenbahner-Kollektivvertragsverhandlungen. Bei den Löhnen habe man eine Inflationsabgeltung und einen Anteil am Unternehmenserfolg für die Beschäftigten erreicht, sagte Hebenstreit. "Reallohnverluste konnten abgewehrt werden." Zumal es auf den Lohn- und Gehaltszetteln für alle Einkommensgruppen ein Einkommensplus gebe - netto.

Im Durchschnitt werden die Löhne der Eisenbahner brutto um 2,6 Prozent erhöht, und zwar in einer Bandbreite von 2,4 bis 3,8 Prozent, mindestens aber um 55 Euro. Netto beträgt die Erhöhung durchschnittlich 2,2 Prozent, in einer Bandbreite von 1,8 bis 2,6 Prozent. Niedrigere Gehälter werden stärker erhöht. Angehoben werden die Mindest- und die Ist-Löhne. Auch die Forderung nach einem Mindestlohn von 1500 Euro brutto sei umgesetzt worden, so Hebenstreit.

Die Erhöhungen gelten rückwirkend ab 1. Juli 2014 für zwölf Monate. Vom Kollektivvertragsabschluss sind rund 34.000 Beschäftigte bei 45 Schienenbahn-Unternehmen betroffen, das größte darunter sind die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).

Bezogen auf alle KV- und Ist-Löhne, aber auch auf sozialversicherungspflichtige Nebenbezüge beträgt die Bruttolohnerhöhung 2,4 Prozent. Thomas Scheiber, Chefverhandler der Arbeitgeber und Obmann des Fachverbands Schienenverkehr, zeigte sich nach der Einigung mit der Gewerkschaft zufrieden. In einer Aussendung sprach er von einer sozial gestaffelten Lösung, die für die Arbeitgeber "finanziell stemmbar" sei. Ebenfalls zu Wort meldete sich ÖBB-Chef Christian Kern: "Der getroffene Abschluss ist positiv für unsere Mitarbeiter und auch für unsere Kunden."

Betriebsversammlungen auch in den kommenden Tagen

Die Arbeitgeber erwarten nun aber, dass es zu keinerlei Zugausfällen oder -verspätungen durch Betriebsversammlungen mehr komme. Dies sei mit dem Sozialpartner jedenfalls vereinbart worden, betonte Scheiber.

Indes wurden die für Donnerstag geplanten Betriebsversammlungen in Linz und in der Steiermark wie angekündigt abgehalten. Der Zugverkehr blieb davon aber ungestört. Auch in den kommenden Tagen werde man die Beschäftigten in weiteren Betriebsversammlungen in allen Bundesländern über den KV-Abschluss informieren, hieß es aus der Gewerkschaft.

Hebenstreit: "Wir werden die Belegschaften auffordern, von ihrem Recht auf Teilnahme an den Betriebsversammlungen mit Verantwortung und Augenmaß Gebrauch zu machen, sodass es für die Fahrgäste nach Möglichkeit zu keinen Verzögerungen kommt."

Erstmals über
Nettolöhne verhandelt

Bei der heurigen KV-Runde haben die Arbeitnehmervertreter erstmals über Nettolöhne verhandelt, um Reallohnverluste zu verhindern. Das sei ein "Systembruch" gewesen, so Hebenstreit. Aber die Diskussion sei wichtig und werde zu einem Umdenkprozess in der Sozialpartnerschaft führen. Ziel müsse sein, dass den Beschäftigten mehr im Geldbörsel bleibe.