Wien. Johannes Kugler steckt die Nase ins Glas, schwenkt es und nach dem ersten Schluck Bier sagt er: "Schmeckt im Abgang leicht nach dunkler Schokolade." Der frisch gebackene Braumeister sitzt im Gastro-Pub Lane & Merriman’s in Wien-Alsergrund und trinkt ein Porter, ein Bier aus London, das durch seine starken Röstaromen auffällt. "Porter ist ein klassischer englischer Bierstil aus dem 18. Jahrhundert. Früher haben es die Hafenarbeiter gerne nach der Arbeit getrunken, daher kommt der Name Porter."

Kugler hat im bayerischen Weihenstephan Brauwesen und Getränketechnologie studiert, doch bereits seit zehn Jahren braut der 26-Jährige sein eigenes Bier. Anfangs experimentierte er noch bei den Eltern im Einkochtopf, heute betreibt er mit drei Freunden die Wiener Start-up Brauerei "Brew Age". Inzwischen haben die vier jungen Männer drei Biere im Sortiment: ein klassisches Wiener Lager, ein Pale Ale und ein sommerliches Holunderblütenbier. In diesem steckt helles Malz, Aromahopfen und echte Holunderblüten, Zucker ist keiner beigesetzt.

Gebraut und abgefüllt wird es in der Bio-Brauerei Gusswerk in Hof bei Salzburg - einem Vorreiter in der noch kleinen, aber sehr aktiven österreichischen Craft-Bier-Szene. Sie wollen interessante, individuelle Biere lokal produzieren und, unter anderem bei Bierverkostungen, nah am Konsumenten sein. Der Trend kommt aus den USA, dort machen die Biere abseits des Mainstreams inzwischen fast zehn Prozent des Marktes aus. In Österreich kratzen die Kleinen wie Bierol, Bevog Brewery, Brauschneider oder eben Brew Age noch an der Ein-Prozent-Marke.

"Ottakringer will mitmischen"

"Die handwerklich hergestellten Biere mit Charakter kommen bei immer mehr Menschen gut an. Das merken auch die Großbrauereien und wollen mitmischen", sagt Kugler. Ottakringer bringt in den nächsten Wochen sein erstes Bier aus einer eigens dafür gebauten Kleinbrauerei heraus. Für Kugler ist es wichtig, Biere zu brauen, die sich von der Masse abheben. "In Blindverkostungen sind die hellen Biere vieler Großbrauereien kaum zu unterscheiden, selbst für geschulte Verkoster. In den letzten Jahrzehnten sind sich die Biere immer ähnlicher geworden, es ist sozusagen ein Einheitsbier entstanden."

Schaut man sich in der Craft-Bier-Szene um, könnte man meinen, Bier sei der neue Wein: Getrunken wird aus langstieligen Gläsern, es wird gefachsimpelt und Bier wird nicht mehr getrunken, um das Gulasch hinunterzuspülen. Weißbier ist ein guter Begleiter zu leichten Salaten mit Putenstreifen, das tiefschwarze Stout passt gut zu Desserts wie Vanilleeis oder zu Blauschimmelkäse. "Manche sagen, Guinness sei gar kein Stout mehr", meint David Gannon in Anspielung auf den im Vergleich zu anderen Stouts langweiligen Geschmack. Der Besitzer des Lane & Merriman’s steht hinter der Bar und zapft ein O’Hara’s, ein irisches Bier. Die Kaffeearomen des vollmundigen Bieres sind sehr intensiv - fehlt nur noch das Vanilleeis. Auch das kann man im Lane & Merriman’s, einem ehemaligen Wirtshaus, haben: hin und wieder gibt es hier mehrgängige Menüs mit passender Bierbegleitung.