Wien. (sf) "Die Rahmenbedingungen für die Energiewirtschaft sind äußerst düster. Aufgrund der gesunkenen Strom-Großhandelspreise ist es derzeit schwierig, in diesem Markt profitabel zu sein", sagt Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber. Nach einem Gewinneinbruch im ersten Halbjahr 2014 erwartet Anzengruber eine Besserung erst 2018/19, wenn die Schließung von Kernkraftwerken im Rahmen des Atomausstiegs in Deutschland die Strom-Großhandelspreise in Europa erhöhen soll.

Der Strom-Absatzpreis liegt heuer bei 39,9 Euro je Megawattstunde (MWh), im Vorjahr waren es noch 48,1 Euro. Für 2015 rechnet Österreichs größter Energiekonzern mit einem weiteren Rückgang auf 36,5 Euro. Der Verfall bei den Großhandelspreisen sei vor allem auf die Überkapazitäten durch die massive Förderung von erneuerbaren Energien, aber auch Nuklearenergie zurückzuführen, sagte Anzengruber bei der Präsentation der Halbjahreszahlen mit Hinweis auf die geplanten Garantie-Abnahmepreise für das britische AKW Hinkley Point C: "Wenn man Förderungen bekommt, kann man auch mit Hamsterrädern Strom erzeugen."

2011 eröffnet, 2015 stillgelegt


Schwache Großhandelspreise und niedrigere Wasserstände ließen das Konzernergebnis im ersten Halbjahr um 86 Prozent auf 56,6 Millionen Euro zurückgehen. Auf dem Ergebnis lasteten die Gaskraftwerke, deren Betrieb zur Zeit unwirtschaftlich ist.

Um Kosten zu senken, mottet der Verbund einige thermische Kraftwerke ein: Das erst 2011 erbaute Gaskraftwerk in Mellach südlich von Graz wird 2015 stillgelegt, ebenso die Kraftwerke in Pont-Sur-Sambre und Toul in Frankreich. Das steirische Ölkraftwerk Neudorf/Werndorf II wird im Dezember geschlossen. Das Steinkohlekraftwerk in Dürnrohr steht 2015 vor dem Aus, wenn der deutsche Netzbetreiber Tennet es nicht als Kaltreserve benötigt. Das Steinkohlekraftwerk Mellach bleibt bis 2020 für die Fernwärmeversorgung in Graz in Betrieb. Trotz der Schließungen verfügt Österreich noch über großzügige Kapazitätsreserven, beruhigte E-Control-Vorstand Walter Boltz zuletzt: Österreich habe etwa 10.000 Megawatt Spitzenleistung, die an kalten Wintertagen benötigt werde. Die Gesamtleistung der Kraftwerke betrage 23.000 Megawatt.

Überkapazitäten machten dem Verbund bei seiner Beteiligung in Italien zu schaffen. Den Ausstieg aus der italienischen Stromfirma Sorgenia haben die Österreicher vor einer Woche besiegelt. In Summe hat der Verbund in Italien rund 450 Millionen Euro abgeschrieben. Nun konzentriert sich der börsenotierte Energieversorger auf Österreich und Deutschland. Während man in Deutschland an Zukäufen interessiert sei, wären diese in Südosteuropa wegen der regulatorischen Bedingungen derzeit kein Thema.

Von den Regulatoren festgesetzte Strompreise in Bulgarien und Mazedonien haben dazu geführt, dass der niederösterreichische Energieversorger EVN für das laufende Geschäftsjahr einen Verlust anstatt eines Gewinns erwartet. Der Verbund hat ebenfalls im Juli seine Gewinnprognose halbiert und geht nun für das Gesamtjahr von einem Konzernergebnis in Höhe von 70 Millionen Euro aus. An die Aktionäre ausgeschüttet werden sollen knapp mehr als 20 Cent je Aktie.

Preissenkung für Haushalte?


Ob die 320.000 Verbund-Privatkunden die gesunkenen Strom-Großhandelspreise durch eine niedrigere Rechnung spüren, wollte Anzengruber am Mittwoch nicht beantworten. Man werde die Marktoffensive bei Haushaltskunden fortsetzen. Für Kunden der Energie Burgenland, EVN und Wien Energie wird Strom ab 1. Oktober billiger. Ein durchschnittlicher Haushalt spart sich so 32 bis 35 Euro jährlich. Die Arbeiterkammer hofft, dass durch die Preissenkung Bewegung in den Markt kommt: Stromversorger würden günstigere Großhandelspreise häufig nicht an ihre Kunden weitergeben, so die Kritik.