"Lehrer sollten auf das Arbeiten mit Menschen mit Behinderung sensibilisiert werden", sagt Gebärdendolmetscher Georg Marsh. Derzeit gebe es kaum Lehrer, die Gebärdensprache beherrschen. Jarmer fordert eine verpflichtende Gebärdensprache-Ausbildung - mindestens auf dem Niveau B2 gemäß dem Referenzrahmen für Sprachen - für Pädagogen, die mit gehörlosen Menschen arbeiten.

"Ein akutes Problem" ist laut Krausneker, dass das Bildungsangebot für Gehörlose regional sehr unterschiedlich sei. Es komme durchaus vor, dass Familien hunderte Kilometer umziehen, um ein besseres Angebot für gehörlose Kinder nutzen zu können.

Mehr Berufsbilder
öffnen

Die Arbeitslosenquote bei Gehörlosen liegt laut Haider rund dreimal über jener bei Hörenden. Beim Berufseinstieg gibt es immer wieder Probleme. Viele Gehörlose finden, wenn überhaupt, nur eine Stelle als Hilfsarbeiter oder eine niedrig entlohnte Anstellung. Das Unternehmen Equalizent, das vom Sozialministerium gefördert wird, möchte die Lücke zwischen Schul- und weiterführender Bildung oder Arbeitsleben schließen. Daneben werden auch Kurse für Bewerbungstraining, Staplerführerschein oder österreichische Gebärdensprache für Hörende angeboten.

Bis vor einigen Jahren lernten Gehörlose vor allem handwerkliche Berufe: Männer wurden etwa als Schlosser, Tischler oder Elektrotechniker ausgebildet, zahlreiche Frauen absolvierten die Schneiderinnen-Lehre. Eine Stelle fanden sie später jedoch nicht: "Man hat sie für Berufe qualifiziert, die am Arbeitsmarkt vorbeigeschrammt sind", sagt Haider.

Seither hätten sich die Berufsfelder jedoch verändert, so die Equalizent-Gründerin - die Palette reicht nun von der Reinigungskraft bis zum Architekten. "Unser Ziel ist, jedes Jahr ein neues Berufsfeld zu öffnen." Vor eineinhalb Wochen wurden die Vorbereitungslehrgänge zur Zahntechnik-Lehre und Mechatronik-Lehre abgeschlossen, in denen unter anderem auch Fachgebärden vermittelt werden. Alle Absolventen fanden eine Lehrstelle - in einem Betrieb oder am Berufsförderungsinstitut. Auch für Pflegehelfer und Masseure gab es zuvor Vorbereitungslehrgänge, im kommenden Jahr sollen erstmals in Wien Gehörlose die Ausbildung zum Kindergartenpädagogen beginnen können. Immer wieder gibt es Bedenken oder Widerstände für die Eignung Gehörloser für bestimmte Berufe, so Haider: Beispielsweise ist Singen bei der Aufnahmeprüfung für Kindergartenpädagogen vorgesehen. Auch bei Pflegehelfern gab es Sorgen, ob sich diese mit Patienten verständigen können. Inzwischen arbeiten drei gehörlose Pflegehelfer in Wien.

Verbesserungen gibt es auch bei der Lehrer-Ausbildung, für die Gehörlose zuvor nur als "außerordentliche Studenten" zugelassen wurden. Mittlerweile wurde die Aufnahmevoraussetzung Sprech- und Stimmleistung gestrichen. Jarmer: "Es wird sich in der Praxis zeigen, ob diese Änderung der Hochschulzulassungsverordnung Auswirkungen hat."