Wien. Lässt die Krise die Ökonomie als Wissenschaft ungerührt oder beginnt sie, sich zu verändern? Der Wirtschaftswissenschaftler Garett Jones sieht keinen Paradigmenwechsel heraufziehen, stellt aber fest, dass die Wirtschaftswissenschaft stärker am Schubladendenken festhält als die Wirtschaftspolitik. Erstere hätte die vorhandenen Instrumente besser nutzen können, um die Krise früher zu erkennen.

"Wiener Zeitung": Der Ausbruch der jüngsten Finanzkrise in den USA liegt sechs Jahre zurück. Die Rezession hält an. Hat die Krise die Theoriegebäude der Wirtschaftswissenschaft erschüttert?

Garett Jones: Es ist leider gerade eine besonders interessante Zeit, Wirtschaftswissenschafter zu sein. Gut ist, dass jetzt eine Menge neuer Ideen diskutiert werden. Das zeigt aber auch, dass der Konsens, den wir in den 1980er und 1990er Jahren entwickelt hatten, ein paar Engführungen aufweist. Die Erklärungsmuster funktionieren eigentlich nur in ökonomisch stabilen Phasen. Das ist jetzt vorbei.

War die Konsens-Ökonomie - also die Neoklassik - besonders unfähig, die Zeichen der Krise zu erkennen, weil man zum Beispiel an der Vorstellung der "Great Moderation" festhielt?

Wirtschaftswissenschafter und Wall-Street-Banker haben das Risiko für einen Crash für winzig gehalten. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern einfach, weil das in den USA seit vielen Jahrzehnten nicht vorgekommen war. Wenn die Great Moderation - die es ja tatsächlich gegeben hat - in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert wurde, dann aber in dem Sinne, in dem Ben Bernanke (2006 bis Anfang 2014 Chef der US-Notenbank, Anm.) das Phänomen in seiner Rede von 2004 verstand - als ein Ergebnis von Politik, Strukturveränderungen und Glück. Bernanke benutzt das Wort Glück 17 Mal in seiner Rede. In der Ökonomie feierte man die Great Moderation nie als Überwindung des Konjunkturzyklus.

Trägt denn der Konsens Verantwortung für die Krise oder wurden Fehler gemacht?

Ich denke, der größte Fehler war, nicht zu erkennen, wie viel Geld auf den Finanzmärkten akkumuliert wurde. Die Wirtschaftswissenschaften hätten auch dem System der Schattenbanken mehr Aufmerksamkeit widmen müssen.