Nicht jeder Schuss ein Treffer: Viele Firmengründer haben Misserfolge hinter sich. - © fotolia/beachboyx10
Nicht jeder Schuss ein Treffer: Viele Firmengründer haben Misserfolge hinter sich. - © fotolia/beachboyx10

Wien. Jeder Unternehmer kennt sie: die Angst vor dem Misserfolg. Der tatsächliche Schrecken dieser Vorstellung ist jedoch nicht für jede Neugründung gleich groß. "Es kommt auf die Art des Unternehmens an. Bei Existenzgründungen - also dem Blumenladen oder Beisl um die Ecke - lassen sich die Einflussfaktoren auf den Erfolg gut abschätzen und steuern", erklärt Nikolaus Franke, Vorstand des Instituts für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Das größere Risiko tragen innovative, wachstumsorientierte Unternehmen. Neben Planungs- und Managementfehlern auf Seiten der Entrepreneure können auch unerwartete Probleme mit der Technologie, Änderungen in Markt und gesetzlichem Rahmen, Zusammenbrüche von Partnerunternehmen oder schlichtweg Pech im Spiel sein.

Selbstüberschätzung ausgeschlossen


Genau voneinander abgrenzen kann man die Ursachen jedoch nicht, zumal viele Ereignisse zusammenwirken, betont Franke. "Es ist selten so, dass eine einzelne Entscheidung dazu führt, dass man morgen schließen muss." Selbstüberschätzung der Unternehmer schließt er als großflächiges Problem hingegen aus - zumindest im risikoscheuen Europa.

Nikolaus Franke von der WU Wien über die Angst vor dem Scheitern. - © Foto Wilke/WU Wien
Nikolaus Franke von der WU Wien über die Angst vor dem Scheitern. - © Foto Wilke/WU Wien

Risiken sind
unumgänglich


Mitunter bedeutender als die Ursachen für Misserfolg ist der Umgang damit - und der ist stark kulturabhängig. Denn während in Kontinentaleuropa gescheiterte Unternehmer schnell als Verlierer abgestempelt werden, sieht dies in den Vereinigten Staaten ganz anders aus. So haben viele der nun erfolgreichen Firmengründer in Silicon Valley bereits einen Misserfolg in ihrem Portfolio. Franke bringt noch ein bekannteres Beispiel. "Walt Disney hatte seinen Erfolg erst mit seiner vierten Unternehmensgründung. Wäre er beim ersten Mal von den Geldgebern aussortiert worden, dann gäbe es heute keine Micky Maus", erzählt er mit einem Augenzwinkern.

Der Experte rät zwar davon ab, Misserfolg zu glorifizieren, erklärt aber, dass es unumgänglich ist, als Unternehmer Risiken einzugehen - vor allem bei Innovationen, die er als den Wettbewerbsfaktor des Jahrhunderts bezeichnet. "Das ist wie mit dem Skifahren. Wer nie so weit geht, dass er in eine Situation kommt, die er nicht sonderlich gut beherrscht, wird auch nie besser. Man muss zwar schon schauen, dass man sich nicht den Hals bricht und sich gleich am ersten Tag die Mausefalle runterstürzt. Aber wenn man sagt, man riskiert nichts und fährt so lange, bis man es perfekt kann, am Anfängerhügel, wird man über diesen auch nie hinauskommen." Daher ist es seiner Meinung nach besonders wichtig, monetäre und soziale Folgen des unverschuldeten, innovationsbedingten Scheiterns abzufedern - und vor allem entspannter mit Fehlern umzugehen.

"Kreatives Problemlösen
wird vernachlässigt"


"Mentalitäten sind träge, aber nicht auf ewig determiniert", weiß Franke. Ein Umdenken im tendenziell furchtsamen, negativen und vorsichtigen Umgang der Europäer mit Niederlagen sei möglich, aber langwierig. Nicht nur die Medien könnten für mehr Bewusstsein für eine größere Akzeptanz des Scheiterns sorgen, auch Bildung und Sozialisation seien wichtige Ansatzpunkte, um Änderungen zu bewirken. "Schauen Sie sich nur an, wie stark in unserem Bildungssystem auf das Ideal hingearbeitet wird, keine Fehler zu machen. Demgegenüber werden kreatives Problemlösen, das Finden neuer Wege und der spielerische Umgang mit Problemen vernachlässigt. Als Folge ist die Orientierung vieler Schüler stark auf Fehlervermeidung und Angst vor Scheitern ausgerichtet. Dass das keine Entrepreneure werden, die Mut zeigen, ist klar", meint Franke.

Neugründungen bestehen in Österreich relativ lange


Neugründungen bestehen in Österreich überdurchschnittlich lange: 68 Prozent der Unternehmen überleben ihre ersten fünf Jahre, der EU-Durchschnitt liegt bei 50 Prozent. Dieser für den einzelnen Gründer überaus erfreuliche Befund ist laut Nikolaus Franke aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht unproblematisch. Denn die hohe Überlebensquote liegt auch an den überdurchschnittlich vielen risikoarmen Gründungen.

"In gewisser Weise bedeutet das, dass wir immer noch am Anfängerhügel fahren. Existenzgründungen sind zwar extrem wichtig, um Qualität zu erhalten, aber wenn wir die große Perspektive sehen, brauchen wir mehr wachstumsorientierte, innovationsbasierte Gründungen. Diese schaffen Wohlstand und Fortschritt, die anderen erhalten ihn."