Wien. (del) "Österreichs Stromkunden sind de facto atomstromfrei", sagte Martin Graf, Vorstand der E-Control, am Montag vor Journalisten. Laut dem diesjährigen Stromkennzeichnungsbericht gab es für 99,7 Prozent der im Vorjahr verbrauchten Strommenge einen Herkunftsnachweis. Das sind zehn Prozent mehr als im Jahr davor.

Der Anteil an Graustrom, also Strom ohne eindeutigen Herkunftsnachweis, betrug 0,27 Prozent. Laut der Kontrollbehörde E-control ergibt das einen Atomstromanteil von 0,1 Prozent. "Der Strom in Österreich hat damit endgültig ein Mascherl, weil bei so gut wie jeder Kilowattstunde bekannt ist, woher der Strom kommt", sagte Graf. 2007 lag der Anteil an Graustrom noch bei 20 Prozent.

Im Vorjahr ist auch der Anteil an Ökostrom am heimischen Strommarkt stark gestiegen. 89 Prozent des in Österreich verbrauchten Stroms stammen aus erneuerbaren Quellen. Der Großteil davon entfällt naturgemäß auf die Wasserkraft. Einen starken Zuwachs gab es bei der Windkraft. Die Biomasse hingegen stagnierte. Aus fossilen Energiequellen - also Erdöl, Gas und Kohle - stammen laut Bericht nur noch 10,4 Prozent des Stroms.

Ein Fünftel der
Nachweise aus Norwegen


Während 2013 noch 73 Prozent der Stromzertifikate aus Österreich stammten, der Strom also hier produziert und verbraucht wurde, waren es im Vorjahr 69 Prozent. Der Anteil ist deshalb gesunken, weil wegen der niedrigeren Wasserführung hierzulande auch weniger Strom produziert werden konnte. Ein Fünftel der Nachweise kam aus Norwegen. Kleinere Mengen an Zertifikaten kamen auch aus Deutschland, Schweden, Slowenien und den Niederlanden.

Österreich hat sich per Gesetz dazu verpflichtet, wissentlich keinen Atomstrom zuzukaufen. Alle Stromlieferanten, die an Endverbraucher Strom liefern, müssen gesetzeskonforme Nachweise bei der E-control vorlegen, dass sie keinen Atomstrom gekauft haben. Die Versorger kaufen bei den ausländischen Erzeugern einen Nachweis, dass diese genau so viel Strom aus erneuerbaren oder fossilen Energiequellen erzeugt haben, wie eben von heimischer Seite eingekauft wurde.

Österreich trotzdem
nicht atomstromfrei


Soweit die Theorie. Wie viel Atomstrom tatsächlich durch Österreichs Leitungen fließt, weiß aber niemand. "Es gibt keinen Atomstromfilter", erklärte Graf. Das liegt daran, dass die Zertifikate in der EU getrennt vom tatsächlichen Stromverkauf handelbar sind. Theoretisch kann man also ein sauberes Zertifikat auf beispielsweise eine Megawattstunde Atomstrom stülpen.

EU-weit speisen alle Energieanbieter in ein gemeinsames Netz Strom ein, der über die europäische Strombörse gehandelt wird. Kommt es beispielsweise zu Versorgungsengpässen in einem Land oder muss Strom über die Strombörse zugekauft werden, schöpft man quasi aus diesem gemeinsamen "See". Und dort kann auch Atomstrom fließen. Derzeit stammen etwa 27 Prozent der Elektrizität in der EU aus Atomstrom.

"Solange die Pflicht zur vollständigen Kennzeichnung für Strom nicht in ganz Europa eingeführt ist, führt die österreichische Stromkennzeichnung leider zu einer Mogelpackung", kritisiert Stefan Moidl, Geschäftsführer der IG Windkraft, den Bericht in einer Aussendung. Um auch physisch atomstromfrei zu werden, müsste der Anteil an Atomstrom in der gesamten EU deutlich reduziert werden.