Wien. Die Metaller-Verhandlungen mögen eine lange, fast schon ins Mystische gehende Tradition in Österreich haben. Aber so lange bestehen sie dann doch nicht, dass die Dramentheoretiker des 17. Jahrhunderts Kenntnis von den sozialpartnerschaftlichen Passionsspielen gehabt hätten. Und doch fügen sich die jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen oft gut in den in jener Zeit etablierten Aufbau eines Dramas: von der Einführung der Personen (Forderungsübergabe), über die Steigerung (beiderseitige Entrüstung nach der ersten Verhandlungsrunde) bis hin zum Dénouement, der Lösung des Konflikts (Einigung auf Lohnerhöhung). Und um den Mammon geht es ja bekanntlich auch.

In diesem Jahr ist alles etwas anders. Denn schon unmittelbar nach der Übergabe der Forderungen war ein dramatischer Höhepunkt erreicht, weit früher als sonst. Die Industrie brach am Donnerstag die Verhandlungen, die noch nicht einmal so richtig begonnen hatten, ab, die Gewerkschaft ihrerseits beschwerte sich über "ungeheuerliche und absurde" Forderungen der Arbeitgeber.

Prinzipiell gehört zumindest ein Eklat zu jeder anständig geführten Lohnrunde, schon vor mehr als zehn Jahren, noch in wirtschaftlich deutlich besseren, ruhigeren Zeiten, hat es immer wieder Abbrüche gegeben. Der frühe Zeitpunkt diesmal überraschte, allerdings nur auf den ersten Blick. Denn seit einigen Jahren werden die Verhandlungen unerbittlicher.

Vorbei scheint die Zeit, als sich Gewerkschafter Rudolf Nürnberger und Metaller-Chefverhandler Hermann Haslauer in heiklen Phasen mit Erlebnisberichten über ihr gemeinsames Hobby, Modelleisenbahnen, das Gemüt kühlten. Die handelnden Personen sind mittlerweile andere, vor allem aber werden seit drei Jahren die Lohnverhandlungen in den Metallbranchen getrennt geführt, was ein langjähriger Wunsch der Arbeitgeber war.

Die Krise als Zäsur
in den Verhandlungen


Die Gewerkschaft argumentiert bis heute, dass Österreich mit den Branchen-Kollektivverträgen jahrzehntelang gut gefahren sei, die Gegenseite will am liebsten die Verhandlungen in den Betrieben selbst sehen, deren wirtschaftliche Lage doch sehr unterschiedlich ist. So war es auch in der Vergangenheit, als noch mit allen Verbänden gleichzeitig verhandelt wurde, immer wieder der Fall, dass ein Verband gut aufgestellt war, während ein anderer ob der Wirtschaftslage ächzte.