Wien. Sowohl Arbeitsmarkt als auch Arbeitslosigkeit wachsen. Die Arbeitslosenquote liegt bereits bei 8,4 Prozent - und auch der Anteil der als arbeitslos vorgemerkten Menschen mit Behinderung steigt. Lag dieser 2006 noch bei 12,1 Prozent, so waren es im Vorjahr dem AMS zufolge 18 Prozent. Auch in Zukunft werde deren Vermittlung "vermutlich nicht einfacher", sagte dazu Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) am Montag anlässlich der Umfrage-Präsentation der Online-Jobplattform "Career Moves" zur Situation behinderter Menschen am Arbeitsmarkt.

Anders ausgedrückt: Etwa 60.000 Arbeitnehmer weisen eine mindestens 50-prozentige Behinderung auf, das entspricht einem Anteil von eineinhalb Prozent. Nur ein Bruchteil der behinderten Menschen geht also einem Beruf nach. Und das, obwohl rund 15 Prozent der Bevölkerung leicht bis schwer behindert sind. Aktuell beziehen die meisten von ihnen Pflegegeld oder Invalidenpension, sind also nicht einmal als arbeitslos vorgemerkt.

"Riesige Zielgruppe"


"15 Prozent, das ist keine kleine Randgruppe, sondern eine riesige Zielgruppe", meinte "Career Moves"-Gründer Gregor Demblin. Das Bewusstsein für Menschen mit Behinderung steigt zwar laut Umfrage, der Informationsbedarf der Unternehmen scheint aber ungebrochen hoch. Konkret waren 40 Prozent der 250 befragten Betriebe davon überzeugt, dass behinderte Menschen eine wichtige Personalressource darstellen, was einer Steigerung von sechs Prozentpunkten gegenüber 2014 entspricht. 60 Prozent - um neun Prozentpunkte mehr als im Vorjahr - ist deren Integration wichtig. Gleichzeitig gaben allerdings 56 Prozent an, dass sie zu wenig über gesetzliche Rahmenbedingungen wüssten. Viele haben Demblin zufolge noch immer Angst, einen behinderten Menschen nicht kündigen zu können, obwohl der Kündigungsschutz 2011 gelockert wurde.

Dennoch zeigten diese Zahlen, "dass der Arbeitsmarkt beginnt, die Türen für Menschen mit Behinderung zu öffnen", sagte Demblin, der "Career Moves" als "Türöffner" zu mehr Chancen-Gleichheit bezeichnet. Ein wesentlicher Schritt dorthin wäre freilich die Einhaltung der Frist zur Barrierefreiheit gemäß dem Behindertengleichstellungsgesetz. Denn am
1. Jänner 2016 enden die Übergangsbestimmungen, bis dahin müssen alle Bauwerke und Verkehrsmittel barrierefrei sein.

Werden sie aber vermutlich nicht. "Ich glaube, wir werden es nicht schaffen", so Hundstorfer, der mit einem weiteren halben Jahr bis zur Umsetzung rechnet.

Den Unternehmen, die zu wenige oder gar keine behinderten Menschen anstellen, mit einer Erhöhung der Ausgleichstaxe zu drohen, sei aber auch kein Weg. Derzeit müssen Firmen 300 Euro monatlich zahlen, wenn sie nicht pro 25 Arbeitnehmer einen behinderten anstellen. Viel zielführender wäre es laut Hundstorfer, die Grundeinstellung zu ändern. Man solle "nicht von Defiziten ausgehen, sondern von dem, was der Mensch leisten kann".

"Career Moves" wurde 2009 als europaweit erste Online-Jobplattform für behinderte Menschen
gegründet. Sie wird vom Sozialministerium gefördert.

Wissen