Wien. (sir) Es ist ein quasi-ehernes Gesetz sozialer Interaktion: Wenn einander zwei treffen, kommt immer der zu spät, der die kürzere Anreise hat. So war es dann auch bei der ersten Verhandlungsrunde zum Metaller-KV in der Wiener Wirtschaftskammer. Die Arbeitnehmerseite war pünktlich um elf Uhr gestellt, die Hausherren kamen ein paar Minuten verspätet. "Alle schon munter?", fragte Rainer Wimmer, Chef der Gewerkschaft Pro-Ge.

Die Lohnverhandlungen für den Kollektivvertrag haben am Montag ihre eigentliche Eröffnung erfahren, nachdem der erste Termin in einem Eklat geendet hatte: Bei der Übergabe der Forderungen vor elf Tagen standen die Arbeitgeber nach kurzer Zeit auf und verließen den Verhandlungstisch, der an jenem Termin eigentlich nur zu "wirtschaftspolitischen Gesprächen" besetzt wurde. Doch schon dabei kam es zu so großen Meinungsverschiedenheiten, dass die Arbeitgeberseite die Gespräche abbrach.

Freilich, an den Forderungen der Gewerkschaft hat sich seither nichts geändert. Weiterhin beharrt sie auf einer sechsten Urlaubswoche für alle, die 25 Jahre gearbeitet haben. Die Arbeitnehmer wollen eine Freizeitoption hineinverhandeln, wie es sie beispielsweise schon die Elektrotechnikbranche verankert hat. Arbeitnehmer sollen zwischen mehr Lohn oder mehr Freizeit wählen können. "Wir brauchen nicht mehr Freizeit", sagt dazu Christian Knill, Chefverhandler und Obmann des Fachverbands der Maschinen- und Metallwarenindustrie (FMMI).

Bei der Übergabe der Forderungen stand noch eine flächendeckende sechste Urlaubswoche im Zuge eines Arbeitsmarktpakets im Raum, doch die Regierung hatte den Plan auf Druck der Wirtschaft wieder verworfen. Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) erklärte sie für nicht finanzierbar, zumindest vorerst. Die SPÖ sprach von einer "Blockade", nahm diese aber zur Kenntnis. Damit war der Weg für die Lohnverhandlungen geebnet. An der schwierigen Lage der Branche habe sich aber nichts geändert, so Knill. "Zwei Drittel der Unternehmen haben sich im Jahresverlauf verschlechtert."

Dem widerspricht zum Teil Markus Marterbauer, Ökonom in Diensten der Arbeiterkammer, der in einer Aussendung mitteilte, dass es der Wirtschaft besser gehe als von ihr dargestellt. "Gegenüber Juli 2015 hat der Index für die Industrie (produzierender Bereich ohne Bau) um 3,2 Prozent zugelegt. Besonders erfreulich ist, dass sich vor allem die Nachfrage nach Investitionsgütern um 7,2 Prozent belebt hat", schreibt Marterbauer.

Neben der sechsten Urlaubswoche verlangen die Arbeitnehmervertreter eine vollständige Anrechnung der Karenzen für alle dienstzeitabhängigen Ansprüche, den 31. Dezember als generell freien Tag bei voller Bezahlung sowie die Verkürzung der Normalarbeitszeit bei vollkontinuierlichem Schichtbetrieb. Außerdem müsse es Beschränkungen bei All-In-Verträgen geben.

Im Vorjahr plus 2,1 Prozent


Vor allen Dingen müsse aber eine deutliche Gehaltserhöhung her, betonte Wimmer ebenso wie der Verhandlungsführer der mitverhandelnden GPA, Rudolf Wagner. In Deutschland haben die Metaller vergangene Woche ein Plus von 5 Prozent gefordert. Auf Österreich könne man das aber nicht umlegen, hier sei die Struktur eine andere.

Wie hoch die Gewerkschaftsforderungen sein werden, wollte Wimmer zu Verhandlungsstart noch nicht offenlegen. Im Vorjahr gab es eine Lohn- und Gehaltserhöhung von 2,1 Prozent - allerdings bei einer höheren Inflationsrate, als es derzeit der Fall ist. Mit mühsamen Verhandlungen wird jedenfalls zu rechnen sein, bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe waren die Gespräche noch im Gange. Es war jedoch nicht zu erwarten, dass schon die erste Runde eine Einigung bringt. Termin für die nächste Runde ist der 15. Oktober.