Wien. Im Dezember veröffentlicht Österreichs größter Gläubigerschutzverband, der KSV1870, in alter Tradition die Insolvenzstatistik des abgelaufenen Jahres. Dieses Mal war es ein wenig anders. Vor der Bekanntgabe der Daten und Fakten nutzte KSV-Chef Johannes Nejedlik die Gelegenheit, um die aus seiner Sicht unternehmerfeindlichen Kommentare der Arbeitnehmervertreter anlässlich der Eröffnung des Insolvenzverfahrens bei Zielpunkt zu kritisieren. Es sei für den KSV "unfassbar", welchen Anfeindungen Unternehmer ausgesetzt seien.

Zielpunkt ist jedenfalls mit Passiva von 237 Millionen Euro die größte Pleite dieses Jahres, gefolgt von der oberösterreichischen Landmaschinenfirma BISO Schrattenecker mit 68 Millionen und der QuadraCir Beteiligungs GmbH mit Sitz in Ohlsdorf (Bezirk Gmunden) mit 55 Millionen Verbindlichkeiten.

Insgesamt sind heuer 5126 Unternehmen insolvent geworden - um 5,5 Prozent weniger als 2014. Die Zahl der betroffenen Dienstnehmer stieg um 1,4 Prozent auf 21.200. Ohne Zielpunkt mit seinen 2700 Mitarbeitern hätte es hier einen Rückgang um 11 Prozent gegeben.

Gewerkschaft: "Kein Unternehmensbashing"

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Am Dienstag wurde damit begonnen, die ausstehenden Gehälter und das Weihnachtsgeld der Zielpunkt-Mitarbeiter aus dem Insolvenzentgeltfonds (IEF) auszuzahlen. Für die Gewerkschaft sei im Moment das Wichtigste, dass die Zielpunkt-Belegschaft ihr Geld bekomme, sagte Barbara Teiber, Regionalgeschäftsführerin der GPA-djp Wien, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Den Vorwurf, dass die Gewerkschaft die Unternehmer generell als "die Bösen" hingestellt habe, wies sie zurück.

Die Emotionen seien in erster Linie wegen der überfallsartigen Konkursankündigung hochgegangen. So kurz vor Weihnachten die Novembergehälter und das Weihnachtsgeld nicht auszuzahlen, sei außerdem "eine seltsame Optik."

Außergewöhnlich ist das nicht, so KSV-Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner. Bei einer Analyse der in den vergangenen 24 Jahren eröffneten rund 70.000 Insolvenzverfahren zeigten sich saisonal leichte Schwankungen, wie der KSV eruiert hat. Auffallend war jedoch, dass bei Unternehmen mit mehr als 150 Mitarbeitern der Wert im Juni, Juli, Oktober und vor allem im Dezember, also in Monaten, in denen Sonderzahlungen für die Mitarbeiter anstehen, stark vom Mittelwert abweicht, und zwar nach oben.

Man dürfe mit Fug und Recht konstatieren, dass Insolvenzverfahren bei Unternehmen mit vielen Mitarbeitern typisch in zeitlicher Nähe zu Sonderzahlungen stattfinden, so Kantner. Man könne daher hinter der Vorgehensweise der Zielpunkt-Unternehmensführung keinen "Masterplan" vermuten. Diese hätte laut Gesetz keine Alternative gehabt, da im November die Fortbestehensprognose nicht gehalten werden konnte. Das sei ein Insolvenzgrund, so Kantner.

Positive Signale aus dem Westen Österreichs

Dass es heuer weniger Pleite gegangene Firmen gab, sollte eigentlich ein Grund zur Freude sein. Kantner relativiert aber. Der Rückgang sei nicht einer besseren Konjunktur geschuldet, sondern einer Kombination aus Stagnation und "absurd niedriger Zinsen." Kantner ortet ein beunruhigendes Phänomen: Wenig Neugeschäft, zögerliche Kredite, eine Fokussierung auf Werterhalt und Immobilientransaktionen bei den Investoren. "Wie soll da die Wirtschaft wachsen und florieren?"

Heuer verzeichneten außer Wien alle Bundesländer Rückgänge bei den Insolvenzen. In Tirol und Vorarlberg sind sie sogar zweistellig. Die beiden Bundesländer profitieren vom Tourismus und der exportorientierten industriellen Produktion. Auch Oberösterreich und die Steiermark zeigen aus ähnlichen Gründen einen Rückgang um 8,5 Prozen - "kein schlechtes Signal", so Kantner.