Wien. (kle) Chinas Wachstumsmotor läuft zwar nicht mehr so rund wie früher. Dennoch ist die Wirtschaftsmacht des Reichs der Mitte ungebrochen. Und sie wird größer. Denn China hat seine Fühler weltweit und dauerhaft ausgestreckt, um Möglichkeiten zu nutzen, den Handel auszubauen und neue Geschäfte an Land zu ziehen. Auch in Europa will der Wirtschaftsriese stärker zum Zug kommen und da und dort präsent sein. Ausgewählte Standorte spielen dabei eine große Rolle für ihn. Vor diesem Hintergrund hat er sich nun auch in Wien über die Bank of China, eine seiner vier großen Kommerzbanken, niedergelassen.

Am Dienstag hat dieses Finanzinstitut eine Filiale in der Innenstadt eröffnet. Ziel sei es, die Wirtschaftstreibenden Österreichs und Chinas miteinander zu vernetzen, erklärte Bankpräsident Chen Siqing. Die Eröffnung fand im Beisein von Nationalbank-Chef Ewald Nowotny, den beiden Staatssekretären Sonja Stessl und Harald Mahrer sowie Wiens Finanzstadträtin Renate Brauner statt. Anwesend war auch Chinas Botschafter in Wien, Zhao Bin.

Die Bank-of-China-Filiale in der Bundeshauptstadt beschäftigt 14 Mitarbeiter, sie ist eine Tochter einer schon bestehenden Niederlassung und regionalen Zentrale in Budapest. Die Gründung einer Filiale in Wien war vor einem Jahr bei einem Besuch von Bundespräsident Heinz Fischer in China besprochen worden. Gerade in Mittel- und Osteuropa wittert Peking offenbar große Geschäftschancen.

Eine Bank der Superlative

Die staatliche Bank of China gilt als Bank der Superlative. Sie hat mehr als 300.000 Mitarbeiter und kann auf Einlagen von umgerechnet 1,8 Billionen Dollar und Kredite von 1,4 Billionen Dollar verweisen. Ihr Gewinn belief sich 2014 auf rund 29 Milliarden Dollar.

Für Österreich ist China der mit Abstand wichtigste asiatische Handelspartner. 2014 - aktuellere Zahlen sind noch nicht verfügbar - lag das bilaterale Handelsvolumen erstmals bei mehr als zehn Milliarden Euro. Wobei Österreich Produkte im Wert von 3,4 Milliarden Euro (plus 7,8 Prozent) in das "Reich der Mitte" exportierte und aus China Waren im Wert von 7,2 Milliarden Euro (plus 7,9 Prozent) bezog, wie Statistiken der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) zu entnehmen ist.

Maschinenbauerzeugnisse und Fahrzeuge machen bei Importen und Exporten die größten Einzelposten aus. Bei den Einfuhren aus China sind außerdem Fertigwaren dominant. Für Österreich ist das bevölkerungsreichste Land der Erde drittgrößter Warenlieferant, allerdings nur zehntgrößter Exportzielmarkt. Mit 2,5 Prozent ist der China-Anteil an den heimischen Gesamtexporten noch überschaubar, heißt es bei der WKO. Zuletzt hat sich ihr Chef, Christoph Leitl, dafür ausgesprochen, diesen Anteil bis 2022 zu verdoppeln.

600 Austro-Firmen in China

Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Hongkong, Christian Schierer, sieht Chancen für die heimischen Exporteure neben den traditionellen Bereichen Maschinen-, Abgas-, Abwasser- und Umwelttechnologien vor allem in Nischensegmenten. Gute Aussichten hätten etwa Luxusartikel, für die China einer der wichtigsten Märkte sei. Einer Studie zufolge wird fast ein Drittel der weltweiten Luxusgüter dorthin verkauft.

In China sind laut Wirtschaftskammer derzeit rund 600 österreichische Firmen tätig, darunter etwa der Stahltechnologiekonzern Voestalpine, der Feuerfestkonzern RHI und der Leiterplattenhersteller AT&S. Einer der Hauptgründe für ein China-Engagement ist für heimische Investoren die Marktgröße: Das Land zählt 1,4 Milliarden Einwohner.

2014 haben österreichische Firmen rund 97 Millionen Euro investiert - um knapp ein Drittel weniger als im Jahr davor. Die großen Absatzchancen in China ziehen zwar weiterhin ausländische Unternehmen an, aber ein Investitionsboom, wie ihn das Land in den vergangenen Jahrzehnten gesehen hat, ist zuletzt ausgeblieben. Und das hat vor allem mit Sorgen über die Konjunktur in China zu tun, deren Dynamik seit Jahren nachlässt. Im Spätsommer 2015 und zu Jahresbeginn 2016 hat das die Finanzwelt in Aufruhr versetzt und die Börsen rund um den Globus zeitweilig auf Talfahrt geschickt.

Schierer, Österreichs Mann in Hongkong, glaubt aber, dass China aus seinen aktuellen Problemen wie Phönix aus der Asche emporsteigen wird. "China konsolidiert sich derzeit", seine Konjunkturdelle sei "Jammern auf hohem Niveau". Zumal das Wachstum Chinas auf knapp unter sieben Prozent zurückgefallen sei - ein Wert, von dem man in Europa nur träumen könne.