Eine offene Unternehmenskultur wäre wichtig, sagt Demblin. - © Titz
Eine offene Unternehmenskultur wäre wichtig, sagt Demblin. - © Titz

Wien. Ob Menschen mit Behinderung in einem Unternehmen arbeiten, ist keine Frage der Rekrutierung. Viele wissen es einfach nicht, wenn ein Mitarbeiter behindert ist. Tatsächlich sind es 15 Prozent der arbeitenden Bevölkerung - also jeder Siebente. 95 Prozent deren Behinderungen sind jedoch nicht sichtbar. Damit sich Unternehmen leichter über ihre Erfahrungen mit behinderten Menschen austauschen können, hat Gregor Demblin nun das "Disability Wirtschaftsforum" gegründet, das heute offiziell eröffnet wird. Im Vorfeld hat der Unternehmer mit der "Wiener Zeitung" über den wirtschaftlichen Vorteil gesprochen, den eine Enttabuisierung mit sich bringen würde.

"Wiener Zeitung": Herr Demblin, wie kann es sein, dass eine Behinderung unentdeckt bleibt?

Gregor Demblin: Man darf nicht immer nur von den ganz schweren Fällen wie Rollstuhlfahrern oder Blinden ausgehen. Es geht nicht um den kleinen Kreis der Menschen mit einer mehr als 50-prozentigen Behinderung, unter denen die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch ist. Es geht darum, auf all jene Einschränkungen zu achten, die in unserer Gesellschaft weit verbreitet sind.

Welche zum Beispiel?

Das kann der Lagerarbeiter sein, der einen schweren Bandscheibenvorfall hatte und aus der Angst, seinen Job zu verlieren, krampfhaft an diesem festhält, obwohl er ihn kaum mehr machen kann. Oder die Juristin, die Epilepsie hat und sagt, wenn sie die Krankheit nicht versteckt hätte und sich nicht immer eine Ausrede für ihre Arztbesuche einfallen lassen hätte, hätte sie nie Karriere gemacht. Wenn ich von diesem breiteren Begriff ausgehe, komme ich auf 15 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Dann gehören auch die 320.000 Österreicher dazu, die eine schwere Seheinschränkung haben, oder die 800.000 mit einer mittleren oder schweren Mobilitätseinschränkung. Es ist kein exklusives Thema, bei dem man sagt, das betrifft mich nicht. Das Problem ist aber, dass niemand von seiner Behinderung erzählt und gleichzeitig die Führungskräfte nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Welchen Vorteil würde eine Enttabuisierung der Wirtschaft bringen?

Es ist international bewiesen, dass Mitarbeiter, die ihre Behinderung verstecken müssen, nicht ihre volle Leistung erbringen. Unsere Recherchen haben gezeigt, dass Österreichs Wirtschaft jährlich 3,2 Milliarden Euro an Produktivität entgehen, etwa durch Langzeitkrankenstände. Aber auch der barrierefreie Zugang zu Geschäften gehört dazu, damit behinderte Menschen alle Angebote nutzen können.

Wie hilft das "Disability Wirtschaftsforum" den Unternehmen nun konkret weiter?

Das eine ist, dass wir durch unsere Kooperationen mit Organisationen wie Business Disability International unseren Kunden das Knowhow weitergeben. Das heißt, wir können ihnen sagen, wie die weltweit beste Bank oder der beste Supermarkt im Umgang mit behinderten Menschen agiert. Zweitens ist unser Forum auch eine Plattform für Wissens- und Erfahrungsaustausch der Unternehmen untereinander, etwa in Form von einem Runden Tisch. Später sind dann auch Webinars und Online-Chats angedacht. Die Idee dabei ist, dass nicht jedes Unternehmen bei null anfangen muss, etwa wenn es um einen barrierefreien Online-Auftritt geht. Und das Dritte ist die konkrete Unterstützung durch unser Team. Zum Beispiel, wenn es darum geht, im Unternehmen Veranstaltungen zur Sensibilisierung zu organisieren oder eine Führungskräfte-Schulung.

An welchen Vorzeigeländern haben Sie sich dabei orientiert?

An den skandinavischen Ländern und dem angloamerikanischen Raum. Ich glaube, dass dieser aufgrund der Bürgerrechtsbewegung einfach eine andere Tradition und damit einen anderen Zugang zu diesem Thema hat.

Wie wollen Sie in Österreich Unternehmen für sich gewinnen?

Ein ganz wichtiger Startpunkt ist einmal heute die Eröffnung. Danach werden wir aktiv auf die Unternehmen zugehen. Unser Ziel ist, möglichst bald die 100er-Marke bei den Mitgliedern zu knacken.

Wie finanziert sich das "Disability Wirtschaftsforum"?

Das Forum finanziert sich rein privatwirtschaftlich über Mitgliedsbeiträge von Unternehmen, die hier mitarbeiten und Thought-Leadership übernehmen.

Seit einem Badeunfall mit 18 sitzen Sie selbst im Rollstuhl. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie bei der Suche nach Arbeit gemacht?

Es war entmutigend. Nach meinem Unfall habe ich erlebt, dass die Leute mir mit wahnsinnig viel Mitleid begegnet sind. Und Mitleid ist zwar nett gemeint, es macht einen Menschen aber auch irgendwie klein und unwichtig. Das hat wenig mit Würde zu tun. Ich habe einige Gespräche erlebt, bei denen ich gesagt habe: "Ich kann das, was ihr da ausgeschrieben habt. Gebt mir die Chance." Sie haben gesagt, ja, sie glauben mir das alles - und man hat sofort gemerkt, sie können es sich überhaupt nicht vorstellen. Das ist es, was ich ändern will. Wir brauchen eine offenere Unternehmenskultur.