Wien. Obwohl in Österreich mehr als jeder zweite Hochschulabsolvent weiblich ist, verdienen Frauen laut OECD nur 72 Prozent von dem, was ihre männlichen Kollegen bekommen. Noch schlechter ist es um Vorstandsetagen der börsennotierten Unternehmen bestellt: 187 Vorstandsposten werden aktuell von Männern bekleidet und nur neun von Frauen. Das entspricht einer Frauenquote von 4,6 Prozent, so der Berater EY.

Rechnerisch gesehen ist der Frauenanteil der Vorstandsmitglieder der 64 im Wiener Börse Index (WBI) notierten Konzernen im Vergleich zum Vorjahr (Stichtag: 30. Juli) minimal von 4,5 auf 4,6 Prozent angestiegen. Der Zuwachs ist jedoch nicht auf eine höhere Anzahl von Frauen zurückzuführen, sondern darauf, dass im Vorjahr vier Vorstandsposten weggefallen sind.

In neun von zehn Chefetagen sitzen ausschließlich Männer

In fast 90 Prozent der Börsenfirmen sitzen nach wie vor ausschließlich Männer im Vorstand. Mehr als eine Vorständin gibt es nur in zwei Firmen.

Drei der insgesamt neun Vorständinnen leiten ihr Unternehmen als CEO: Herta Stockbauer ist Chefin der BKS Bank, Karin Trimmel führt den Kräuterlikörhersteller Gurktaler und seit 1. Jänner 2016 lenkt Elisabeth Stadler die Geschicke des Versicherungsriesen Vienna Insurance Group (VIG). Stadler ist die erste Frau an der Spitze eines ATX-Unternehmens. Finanzvorständinnen gibt es in Österreich nur mehr zwei, im Vorjahr waren es vier.

Den "höchsten" Frauenanteil gibt es in der Automobilbranche (9 Prozent) und im Immobiliensektor sowie in der Finanzbranche (jeweils 8 Prozent). Fünf Branchen sind wie voriges Jahr rein männlich: Energie, Informationstechnologie, Telekommunikation, Transport/Logistik und "Sonstiges", erhob das Beratungsunternehmen EY.

"Stillstand statt Aufbruchsstimmung"

"Beim Frauenanteil im Topmanagement börsennotierter Unternehmen in Österreich gibt es momentan Stillstand statt Aufbruchsstimmung", beklagt EY-Partnerin Elfriede Baumann. Dabei seien gemischtgeschlechtliche Führungsteams nachweislich erfolgreicher. "Viele Unternehmen haben das erkannt und arbeiten daran, systematische Frauenförderung zu etablieren und haben schon bei Neueinstellungen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Fokus." Das sei wichtig, um bei der geplanten Besetzung von Vorstandsposten bereits innerhalb des Unternehmens ausreichend Auswahl an qualifizierten Frauen zu haben. "Diese Bemühungen werden sich bald auch in einem höheren Frauenanteil widerspiegeln", ist Baumann zuversichtlich.

Dass sich die aktive Suche nach weiblichen Führungskräften bezahlt macht, zeige der Anstieg der Frauenquote von Aufsichtsräten. Diese erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr leicht von 16,3 auf 17,6 Prozent. Von insgesamt 591 Aufsichtsratsmitgliedern sind derzeit 104 Frauen. In fast zwei von drei Unternehmen sitzt zumindest eine Frau im Kontrollboard, was umgekehrt heißt, dass der Aufsichtsrat jedes dritten Börsenkonzerns rein männlich ist. 45 Prozent der Firmen haben mindestens zwei Aufsichtsrätinnen.

Aufwärtstrend in Aufsichtsräten

"Im Gegensatz zu Vorstandsetagen gibt es beim Frauenanteil in Aufsichtsräten in den letzten Jahren einen eindeutigen Aufwärtstrend", so Baumann. Auch für Vorstände gelte: "Es gibt genügend qualifizierte Frauen für diese Stellen - und sie sind nicht schwer zu finden, wenn man gezielt sucht." Baumanns Arbeitgeber EY hat in Österreich auf Partner-Ebene übrigens einen Frauenanteil von 29,7 Prozent.

Die Qualifikation für Vorstandsjobs sollten Frauen haben: Zuletzt waren 55,8 Prozent der Universitätsabsolventen weiblich, wie Zahlen des Wissenschaftsministeriums für das Studienjahr 2014/15 zeigen. An Fachhochschulen entfielen 49,5 Prozent der Abschlüsse auf Frauen.