• vom 10.10.2016, 17:01 Uhr

Österreich

Update: 11.10.2016, 09:06 Uhr

Finanzbranche

Zinstief brockt heimischen Sparern Milliardenverluste ein




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Von Karl Leban

  • Weil die Inflation seit nunmehr sieben Jahren über den Sparzinsen liegt, sind die Realzinsen für Sparer negativ.



Wien. Für Sparer sind die Zeiten alles andere als rosig. Seit Jahren ist das so, und nach Einschätzung von Experten wird das auch noch eine Weile so bleiben. Der Grund für die Leiden der Sparer ist das von der Europäischen Zentralbank (EZB) gezielt herbeigeführte Zinstief.

Von dem versprechen sich die Notenbanker in Frankfurt - weil Kredite damit billiger sind - zwar deutlich mehr Investitionen und höheren Konsum, was das Wachstum der Wirtschaft stärker in die Gänge bringen soll. Bisher ist diese Rechnung aber nicht wirklich aufgegangen.

Trotzdem muss der Rücken der Sparer für die EZB offensichtlich weiterhin herhalten. Faktum ist jedenfalls: Seit mittlerweile sieben Jahren, seit 2010, sind Sparguthaben bei Österreichs Banken einem schleichenden Wertverlust ausgesetzt. Da die Inflation höher als das Zinsniveau ist, wird Erspartes immer weniger wert.

Die Zinserträge, die noch dazu mit 25 Prozent besteuert sind, reichen also nicht aus, um die Inflation wettzumachen. Fachleute sprechen in dem Zusammenhang von negativen Realzinsen.

Für die "Wiener Zeitung" hat Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der Bank Austria, errechnet, dass die niedrigen Zinsen die österreichischen Sparer von 2010 bis heute in Summe 17,4 Milliarden Euro kosteten. Der jährliche Verlust, der bei den Bankeinlagen der privaten Haushalte anfällt (neben den Spareinlagen gehören auch Sicht- und Termineinlagen dazu), liegt demnach im Durchschnitt bei fast 2,5 Milliarden Euro.

Von diesen Kaufkraftverlusten sieht Bruckbauer vor allem "mittlere und höhere Vermögensbesitzer" betroffen - und weniger die sogenannten kleinen Sparer. Zuletzt beliefen sich die gesamten Bankeinlagen der heimischen Privathaushalte auf mehr als 227 Milliarden Euro.

Minus von 16,5 Milliarden seit Ausbruch der Finanzkrise

Ludwig Strohner, Wirtschaftsforscher beim Institut "EcoAustria", kommt in seinen Berechnungen zu einem ähnlichen Ergebnis wie sein Kollege in der Bank Austria. Er hat ermittelt, dass sich die Verluste durch die im Vergleich zur Inflation zu niedrigen Zinsen in den knapp sieben Jahren seit 2010 auf insgesamt 17,8 Milliarden Euro summieren.

Geht man etwas weiter zurück (etwa bis zum Jahr 2008, in dem die globale Finanz- und Bankenkrise ausbrach), beträgt das Gesamtminus 16,5 Milliarden Euro. Dieses Minus ist etwas geringer, weil das Rezessionsjahr 2009 das letzte Jahr war, in dem die Sparzinsen alles in allem höher lagen als die Inflation und es für heimische Sparer somit einen positiven Saldo gab. Laut Strohner lagen die realen Zuwächse beim Sparvermögen damals bei 2,3 Milliarden Euro. Zur Erinnerung: Viele Banken sahen sich 2009 vor dem Hintergrund einer weltweiten Konjunkturkrise gezwungen, sich höhere Liquidität zu sichern. Sparer wurden mit kurzfristig entsprechend höheren Zinsen gelockt.

Phasen mit realen Negativzinsen gab es in früheren Zeiten zwar immer wieder, aber nicht in der Dimension, wie sie sich seit 2010 entwickelt hat. Im Übrigen kann man der Realzinsfalle kaum entkommen. Denn Investments, die zuverlässig Renditen oberhalb der Inflationsrate abwerfen, sind stets mit höheren Risiken verbunden. Das gilt etwa für Anleihen, Aktien und auch Fonds.

Für jene Privathaushalte, die ihre Gelder solcherart veranlagen, hat sich dies seit 2010 allerdings gelohnt. Sie haben bis heute bei Anleihen, Aktien und Fonds - begünstigt unter anderem durch die Zinspolitik der EZB - Kursgewinne von insgesamt 9,5 Milliarden Euro eingestrichen, wie Bankökonom Bruckbauer errechnet hat.

Private Altersvorsorge massiv erschwert

Klar ist, dass das Zinstief den Aufbau von Vermögen derzeit mehr denn je erschwert. Damit hängt aber auch die private Altersvorsorge zur Deckung späterer Pensionslücken in der Luft. Erst kürzlich hat die FMA als Aufsichtsbehörde den Garantiezinssatz in der Lebensversicherung weiter abgesenkt: auf 0,5 Prozent. Schon bisher warfen Neuverträge bei diesem klassischen Pensionsvorsorgeprodukt winzige, quasi bloß unter dem Mikroskop wahrnehmbare Erträge ab. Für viele Staaten hat die Nullzinspolitik in Frankfurt indes grundsätzlich positive Seiten, wenn es darum geht, sich günstig zu refinanzieren und die Budgets zu entlasten. Dies erfolgt großteils freilich auf Kosten der Sparer.

Kurzfristig ändern wird sich an deren Misere wohl kaum etwas. Aus der Sicht des Raiffeisen-Chefanalysten Peter Brezinschek wird die EZB den derzeit bei null liegenden Leitzins erst ab Mitte 2018 anheben. Mit wieder positiven Realzinsen könnten Sparer demnach erst ab 2019 rechnen - zunächst aber nur bei längeren Laufzeiten.

Bruckbauer sieht dies ähnlich, gleichzeitig stellt er diese Prognose allerdings in Frage. Zumal es schon das Maximum sein könnte, dass Sparer künftig nur pari aussteigen, wie er meint. Denn selbst wenn sich die Zinsspirale in der Eurozone wieder nach oben drehen sollte: Wegen des starken regulatorischen Drucks (vor allem beim Aufbau von Eigenkapital) würden die Banken wohl nur einen Teil der Zinserhöhungen an ihre Sparkunden weitergeben, so Bruckbauer.





Schlagwörter

Finanzbranche, Zinsen, Sparer, Banken, EZB

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-10-10 17:05:06
Letzte Änderung am 2016-10-11 09:06:09


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