Wien. (kle) Die Bawag sorgt abermals für Aufregung. Ist die Bank erst vor wenigen Tagen mit dem Vorwurf konfrontiert worden, sie habe über die Hintertür Bankomatgebühren eingeführt, ist sie nun mit einem Brief an ihre Kunden erneut ins Schussfeld der Kritik geraten. Dieses Schreiben suggeriert, das Konto zu überziehen, um für Weihnachten schon jetzt Geschenke kaufen zu können. Was freilich unerwähnt bleibt: Diese Art des Pumps ist alles andere als billig. Im Gegensatz zu den Zinsen bei einem Kredit sind die Zinsen beim Überziehen des Kontos nämlich relativ hoch, und das bei allen Banken.

In dem Werbeschreiben der Bawag heißt es: "Sie brauchen nicht bis Weihnachten warten, um sich selber oder ihren Liebsten eine Freude zu bereiten. Denn mit der Einkaufsreserve auf Ihrem Konto können Sie bereits jetzt die besten Schnäppchen für Weihnachten besorgen oder sich selbst etwas Besonderes gönnen. Ein gutes Gefühl, oder?" Schuldnerberater warnen jedenfalls vor solchen Angeboten: Gerade auf diese Art würden immer mehr Menschen hohe Schulden anhäufen, dabei den Überblick verlieren und so in die Insolvenz schlittern.

11 von 10.000 Privatpersonen
in Österreich sind überschuldet

Rein statistisch sind in Österreich laut dem Gläubigerschutzverband Creditreform 11 von 10.000 Erwachsenen insolvent. Schuldnerberatern zufolge sind Privatpersonen im Durchschnitt mit ungefähr 75.000 Euro verschuldet. Per Ende September gab es hierzulande im Zusammenhang mit Privatkonkursen rund 7000 Schuldenregulierungsverfahren.

Dass die Bawag das Konsumieren per Schuldenmachen über das Konto just zum jetzigen Zeitpunkt bewirbt, sei kein Zufall, wie Alexander Maly, Geschäftsführer der Schuldnerberatung, auf orf.at erklärt. Die breite Masse der heimischen Lohn- und Gehaltsempfänger bekommt das Weihnachtsgeld Ende November, Anfang Dezember. Kreditinstitute seien deshalb besonders daran interessiert, sich von diesem "Kuchen" etwas abzuschneiden - sofern Kunden mit ihrem Kontostand wegen vorgezogener Weihnachtseinkäufe ins Minus rutschen und so dafür sorgen, dass die Banken ihnen relativ hohe Überziehungszinsen verrechnen können.

Bankenbranche: Bawag-Aktion "unsensibel", aber "harmlos"

Was die Höhe der Zinsen beim Überziehen eines Giro- oder eines Pensionskontos betrifft, so ist die Bandbreite in Österreich ziemlich groß. Nach Angaben der Arbeiterkammer können die Zinsen zwischen 6,9 und 13,5 Prozent betragen. Im Extremfall können sogar bis zu 17 Prozent fällig werden, weiß Maly zu berichten. Zudem habe man bei der Schuldnerberatung beobachtet, dass die Sollzinsen für Menschen mit geringem Einkommen meist höher seien als bei Besserverdienenden.

In der heimischen Bankenszene selbst wird die Marketingaktion der Bawag als "unsensibel" bezeichnet - "unsensibel" deshalb, weil man sich hätte denken können, dass es damit bei Schuldnerberatern zu einem Aufschrei komme, wie es zur "Wiener Zeitung" heißt. Gleichzeitig wird in der Branche aber bezweifelt, dass Bawag-Kunden nun - nur wegen des Briefes - in Scharen ihre Konten überziehen. So gesehen sei die Aktion "harmlos".

Franz Rudorfer, Geschäftsführer der Sparte Banken und Versicherungen in der Wirtschaftskammer, betont mit Blick auf das Bawag-Schreiben, hier handle es sich um ein Angebot. Den Kunden stehe es frei, dieses Angebot anzunehmen oder nicht.