fotolia.at/Daniel Berkmann
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Wien. Und dann ging plötzlich nichts mehr. Also nicht nichts. Aber fast nichts. Ausgerechnet am 1. Jänner standen viele Bankomaten, darunter auch jene in Skigebieten und Tankstellen, still. An den 50.000 Terminals des Schweizer Betreibers Six Payment Services war es nur möglich, mit der berührungslösen Funktion (Near Field Communication, NFC) bis zum Pincode-losen Höchstbetrag zu bezahlen. Hatte es zuerst noch geheißen, dass womöglich die Schaltsekunde zu Silvester die Software zum Erliegen gebracht haben könnte, wurde diese Theorie später verworfen. "Es war nicht die Schaltsekunde, aber es war ein Software-Fehler, der mit dem Jahreswechsel zu tun hatte", sagte am Montag ein Sprecher des Schweizer Unternehmens, das vor drei Jahren mit dem Kauf von Paylife zum Marktführer in Österreich wurde, zur "Wiener Zeitung". Dezidiert ausgeschlossen werden konnte ein Hackerangriff.

Die Episode zu Neujahr macht wieder einmal deutlich, wie abhängig Wirtschaft und Konsumenten von funktionierenden Bargeldlos-Systemen sind. Denn wer führt heute noch Bargeld für alle Eventualitäten mit sich? Selbst wenn man das wollte, gestaltet sich das subjektiv auch immer schwieriger. Denn die Zahl der Bankfilialen nimmt deutlich ab. Gab es 2003 laut Österreichischer Nationalbank noch 869 Kreditinstitute mit 4400 Filialen, waren es im vergangenen Juni nur noch 732 Kreditinstitute mit 4003 Filialen. Der Trend wird sich auch in den kommenden Jahren noch fortsetzen -alleine die Bank Austria hat angekündigt, bis 2018 80 Filialen schließen zu wollen.

Während die Bankfilialen-Dichte immer weiter abnimmt, gibt es eine Steigerung bei der Zahl der Bankomaten: Von 2005 bis 2015 ist die Zahl der Geldausgabegeräte österreichweit von 7382 auf 8744 gestiegen, so die Statistik der Nationalbank. Ist es also tatsächlich nur ein subjektives Gefühl, dass man selbst in der Großstadt immer länger nach einem Bankomaten suchen muss? Nein, meint Bernd Lausecker, Finanzexperte vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). "Aufgrund der Filialschließungen und -zusammenlegungen nimmt die Bankomatdichte ab", sagt er. Allerdings entstehen immer mehr Bankomaten an Stellen, die vielleicht nicht 24 Stunden am Tag zugänglich sind. So ist zum Beispiel die Supermarktkette Spar schon seit längerem in beinahe jeder zweiten Filiale österreichweit mit einem Bankomaten - insgesamt 700 - ausgestattet. Der Rewe-Konzern setzt eher auf die Cash-Back-Funktion, mit Hilfe derer Kunden direkt an der Kassa Bargeld beziehen können. Zusätzlich verfügen die Hälfte aller Merkur-Märkte (rund 65) und etwa zehn Billa-Filialen über Bankomaten von externen Betreibern.

Bei Payment Services Austria (PSA), die fast das gesamte Bankomatsystem in Österreich betreuen, widerspricht man sowohl dem subjektiven Gefühl als auch dem VKI: Die Bankomatdichte in Österreich sei eine der höchsten in Europa, heißt es dort.

Fast 10 Bankomaten je 10.000 Einwohner

Auf 10.000 Einwohner kommen hierzulande laut PSA 9,97 Bankomaten, während es in der Schweiz nur 7,94, in Deutschland gar nur 6,92 sind.

In Schweden hingegen gibt es nur 3,3 Bankomaten auf 10.000 Einwohner - mit gutem Grund: In Skandinavien, vor allem eben in Schweden und Dänemark, spielt Bargeld im Alltag eine immer geringere Rolle, selbst kleine Beträge werden mit Karte abgewickelt. In Österreich ist das - noch - anders: Der Großteil der täglichen Einkäufe wird in bar abgewickelt. "Bis 50, 60 Euro wird in der Regel bar bezahlt, darüber dann eher mit Karte", sagt Christian Gutlederer, Sprecher der Österreichischen Nationalbank.

Die Entwicklung aber geht allerdings auch in Österreich in Richtung verschiedener Bezahlsysteme jenseits der Bartransaktion, wenn auch eher langsam. "Das ist eine natürliche Entwicklung, aber auch eine Kulturfrage", sagt Gutlederer.

Laut PSA wurden 2015 insgesamt rund 592 Millionen Transaktionen mit österreichischen Bankomatkarten im In- und Ausland durchgeführt, im Jahr davor waren es noch 559 Millionen Transaktionen. Der Umfang der Bezahlvorgänge an den Bankomatkassen stieg im selben Zeitraum um 2,1 Prozent auf 38,2 Milliarden Euro.

Dennoch: Noch lange nicht alle Geschäfte und Gastronomiebetriebe sind mit Bankomatterminals ausgestattet. Denn für Händler und Gastwirte ist dieses Kundenservice ein Verlustgeschäft. Für jede Zahlung mit Bankomat- oder Kreditkarte muss der Händler oder Gastwirt den sogenannten Disagiosatz an den Zahlungsanbieter abführen. Derzeit werden für Bankomatzahlungen rund 0,3 Prozent der Rechnungssumme abgeführt, bei Kreditkarten sind es je nach Unternehmen bis zu 3 Prozent, sagt Rainer Trefelik, Obmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Wien. "Dazu braucht man eine Internetverbindung, und die Geräte müssen gewartet werden. Diese Kosten werden alle auf den Händler abgewälzt", meint Trefelik, der selbst ein Bekleidungsgeschäft in Wien betreibt. Er muss heuer fast 700 Euro für die Wartung seiner beiden Bankomatkassen zahlen.

Jedoch würden diese Kosten ohnehin meist auf den Kunden abgewälzt, sagt Konsumentenschützer Lansecker. Für die Banken sei die Bargeldlogistik nur mit hohen Kosten aufrecht zu erhalten. "Die wollen selbst Greißler und Trafikanten dazu bringen, das zu installieren" - diese müssen wiederum den Disagiosatz leisten, was die Kunden treffe. "Aber: Das ist einfacher durchzusetzen als eine Bankomatgebühr", so der Konsumentenschützer. Der VKI plädiert für beide Varianten: Bankomatzahlungen zu ermöglichen, "ohne den Verbraucher in ein Eck zu zwingen".