Wien. Auch wenn es mit den Aktienkursen nun schon längere Zeit nach oben geht: Seit Jahren steckt die Wiener Börse in einem großen Dilemma. Der Grund: Neuzugänge hat sie kaum, aber umso mehr Abgänge. Die Liste der Unternehmen, die noch in Wien notieren, wird jedenfalls immer kürzer. Der letzte nennenswerte Börsengang (IPO), der des Flugzeugzulieferers FACC, ist inzwischen auch schon wieder drei Jahre her. Seitdem ist der österreichische IPO-Markt de facto tot.

Wie das Aktienforum erhoben hat, ist die Zahl der in Wien börsennotierten Firmen binnen zehn Jahren um knapp 40 Prozent auf 79 geschrumpft. Am einstigen Höhepunkt - im Jahr 2006 - umfasste der Kurszettel noch 127 Unternehmen. Der schleichende Aderlass ist freilich noch nicht vorbei. Auch in Zukunft wird der Wiener Aktienmarkt damit konfrontiert sein. Zumal Neuzugänge derzeit nicht in Sicht sind, eine Reihe von Firmen aber bereits angekündigt hat, den heimischen Börsenplatz verlassen zu wollen.

Dies sind der Feuerfest-Hersteller RHI, der Mischkonzern Frauenthal und der Wasseraufbereiter BWT, aber auch der Sekthersteller Schlumberger, der im Zuge seiner Komplett-Übernahme durch die Schweizer Sastre Holding von der Börse genommen werden soll. Als Wackelkandidaten gelten auch die beiden Immobilienfirmen Conwert (nach der Übernahme durch die deutsche Vonovia) und CA Immo (wegen der Pläne für die Fusion mit der größeren Immofinanz).

Dass der IPO-Markt in Österreich nicht in die Gänge kommt, hat für den Wiener Anlegerschützer Wilhelm Rasinger mehrere Gründe. Aktuell hält er auch das niedrige Zinsniveau für maßgeblich, nicht an die Börse zu gehen. Als Finanzierungsquelle sei die Börse derzeit weniger attraktiv, als bei der Hausbank einen Kredit aufzunehmen.

Daneben ist aus Rasingers Sicht auch die "Überregulierung unter dem Titel Anlegerschutz" ein Grund, der inzwischen davon abhalte, an die Börse zu gehen. Mit der Vielzahl an Vorschriften sei es vor allem für mittelständische Firmen "mühsamer geworden", sagt der Chef des Interessenverbandes für Anleger (IVA).

"Der Staat fehlt als Lieferant für die Börse"

Zudem sei mit einem Börsengang immer auch ein Verkauf von Anteilen an einem Unternehmen verbunden. "Derzeit ist es aber einfacher, direkt zu verkaufen - an Hedge-Fonds oder andere Finanzinvestoren, die nach Beteiligungsmöglichkeiten suchen", erklärt Rasinger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Schließlich ist da viel Geld im Markt."

Worauf der IVA-Chef ebenfalls verweist, warum Börsengänge in Wien Seltenheitswert haben: "Der Staat fehlt als Lieferant für die Börse." In der Vergangenheit gab es etwa mit Verbund, OMV, Voestalpine, Austria Tabak und Post AG mehrere große Privatisierungen, die sich als "Eisbrecher" für andere Börsengänge erwiesen. Das wäre auch in Zukunft möglich, sagt Rasinger. Vorstellbar wäre für ihn zum Beispiel, die BIG, die Bundesimmobiliengesellschaft, zu privatisieren. Infrage käme aber auch, dass jene Landesversorger, die am Verbund beteiligt sind, ihre Anteile über die Börse verkaufen und so den Streubesitz erhöhen.

Kein gutes Haar lässt Rasinger an der Politik: "Sie hat nicht erkannt, dass der Börsenplatz wichtig ist. Die allgemeine Stimmung für Börse und Aktien muss freundlicher werden." Auch das zur Industriellenvereinigung gehörende Aktienforum sieht die Politik gefordert. "Sonst wird dieser Börsenplatz weiter erodieren", erklärt Voestalpine-Vorstand Robert Ottel, Präsident des Aktienforums. Ottel schlägt unter anderem steuerliche Anreize für Börsengänge sowie Privatisierungen vor, um wieder mehr Firmen an die Börse zu bringen.

Eigenes Handelssegment für Klein- und Mittelbetriebe?

Rasinger spricht sich indessen für die Schaffung eines eigenen Handelssegments für Klein- und Mittelbetriebe (KMU) an der Wiener Börse aus. Dieses sollte einer weniger strengen Regulierung unterliegen, und es sollte dort lediglich ein Mal pro Woche gehandelt werden.