Wien. (apa/red) Österreich ist noch eine heile Welt, was die Nutzung von Bargeld betrifft. Rund 150 bargeldlose Zahlungen pro Kopf gab es 2016 in Österreich, in skandinavischen Ländern waren es hingegen drei Mal so viele. Für die Banken ist dies jedoch kein Freischein, sich auf alten Gewohnheiten auszuruhen, zeigt der jährliche Bericht der Boston Consulting Group (BCG) über Zahlungsverkehr.

In Österreich nehmen viele Geschäfte noch keine Kartenzahlungen an, und zugleich gibt es überdurchschnittlich viele Bankomaten (in der Regel ist die Abhebung kostenlos). Damit gebe es eine einfache Versorgung mit Bargeld, skizziert BCG-Experte Lukas Haider die Gründe, warum sich in Österreich bargeldlose Transfers nur langsam durchsetzen. In Norwegen oder Schweden gebe es inzwischen schon Geschäfte, die Bargeld ablehnen. Diese Länder seien unterwegs zu einer bargeldlosen Gesellschaft, so Haider. Dies funktioniere ganz ohne politischen Druck oder Eingriffe von oben.

Dabei sei Bargeld für den Einzelhandel erfahrungsgemäß sogar billiger als bargeldlose Zahlungen. Laut Haider kostet Barzahlung die Geschäfte weniger als ein Prozent des Verkaufspreises, Kartenzahlungen würden die Einzelhändler hingegen ein bis drei Prozent kosten.

Wichtige Einkommensquelle


Banken in Österreich sollten sich aber keinesfalls auf die langsamere Umstellung im Inland verlassen oder gar auf der aktuellen Situation ausruhen, warnt Haider. Denn die Abwicklung des Zahlungsverkehrs ist für das Bankensystem enorm wichtig: Weltweit wurden im vergangenen Jahr 420 Billionen Dollar (355 Billionen Euro) transferiert, die Banken hatten daraus Einnahmen von 0,8 Billionen Dollar oder 20 bis 25 Prozent ihrer gesamten Einnahmen. Bis 2026 rechnet BCG mit einer Verdoppelung der Einnahmen aus dem Zahlungsverkehr, weil Schwellenländer zulegen und überall bargeldlose Zahlungen an Gewicht gewinnen. Die Finanzinstitute könnten es sich also nicht leisten, einer Erosion des Geschäftsfeldes zuzuschauen, heißt es bei BCG.

Und sie stehen mächtig unter Druck. Rund 9000 Fintechs hat BCG weltweit gezählt, 100 Milliarden Dollar Kapital hätten diese bisher aufgebracht. Dazu kämen die "digitalen Giganten" wie Google, Amazon, Apple oder Facebook, die ebenfalls mit Zahlungssystemen experimentierten. Sie alle könnten sich auf besonders lukrative Geschäfte konzentrieren und mit Innovationen, die günstiger und kundenfreundlicher seien als die in klassischen Banken üblichen Zahlungssysteme, diesen Geschäft und Kunden abwerben.

Kooperationen notwendig


Nur wenige Banken seien groß genug, in diesem rasanten Wandel alleine zu bestehen. Zu rasch setzen sich Innovationen durch, zu groß sind die Lücken in den Kompetenzen der alten Banken, zu groß ist der Vorsprung der "digitalen Giganten". Einzelne Spieler müssten einfach zu viel investieren, heißt es im BCG-Bericht. Zugleich könnten sich die Banken Stillstand nicht leisten.

Die Lösung sieht BCG in Kooperationen. "Wir glauben nicht, dass es eine dominante Lösung geben wird", sagt Haider. Stattdessen würden Partnerschaften und "Ökosysteme" kommen. Denn damit könnten Banken rascher Innovationen umsetzen, die Newcomer hingegen dank bestehender Bankstrukturen rascher den Markt durchdringen. Auf die Frage, ob es in Zukunft bargeldlose Gesellschaften geben wird, gibt die Studie indes keine Antwort. Haider selbst sagt, Bargeld sei "gedruckte Freiheit". Angesicht der Emotionen und der kulturellen Bedeutung, die mit Bargeld verbunden sind, "habe ich persönlich Schwierigkeiten, mir eine gänzlich bargeldlose Gesellschaft vorzustellen". Letztlich werde es um eine Interessenabwägung der Menschen gehen: Ob die Einfachheit und Verfügbarkeit bargeldloser Überweisungen überwiegt oder der Wunsch nach Diskretion, der Ungebundenheit und dem Vermeiden digitaler Footprints. Deutlich sichtbar sei aber ein "dramatischer" Rückgang der Zahlungen mit Bargeld.