Wien. Wer einen weitläufigen Bauboom am Schilfgürtel eines international mehrfach geschützten Steppensees besichtigen will, sollte an den nördlichen Teil des Neusiedler Sees fahren.

Christian Schuhböck war knapp ein Jahr unterwegs, um akribisch zu dokumentieren, was dort passiert: Im Nordwesten des schuhlöffelförmigen Sees liegt Oggau, wo gehobene Seevillen entstehen. Die Hälfte davon ist schon verkauft, vier Häuser sind bereits gebaut. Der Villenpark erstreckt sich auf mehr als 63.000 Quadratmeter. In Breitenbrunn, wo 2019 der Pachtvertrag der Gemeinde mit dem Eigentümer Esterhazy ausläuft, soll das bisherige Naturseebad neu gebaut werden. Es wird ein Seerestaurant, eine Marina, Spa und mietbare Touristen-Lodges geben, dort wo jetzt noch der Yachtclub ist. In Jois ist der Ausbau einer Inselwelt geplant mit 70 Einfamilienhäusern samt Privatstrand und Steg. 12 Seevillen sind bereits in Bau. In Illmitz wird das Seebad neugestaltet sowie ein Seehotel mit 120 Betten samt Restaurant gebaut.

Direkt am See leben

In Neusiedl am See soll es unter dem Projektnamen "Am Hafen" eine Lagunensiedlung geben, 38 Einfamilienhäuser und 21 Seeappartements von 90 bis zu luxuriösen 150 Quadratmetern. Diese sollen jeweils einen privaten Bootsanlegeplatz und Pkw-Parkplatz bekommen. Nebenbei wird statt dem bereits geschlossenen Hotel "Da Marco" ein "Boutique-Hotel" mit 65 großzügigen Zimmern und Apartments entstehen. Die Fertigstellung wird für 2019 anvisiert. In Weiden am See wurde bereits das neue Großlokal "das Fritz" eröffnet. Dazu kommen noch eine Marina für 30 Boote und ein Beach-Club.

Welterbeverträglich bleiben

"Wir sehen also, dass sich in dieser Region, die 2001 von der Unesco mit dem Prädikat "Welterbe der Menschheit" ausgezeichnet wurde, sehr viel tut", argumentiert Schuhböck, allgemein und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Naturschutz, Welterbe, Nationalparks und andere internationale Schutzgebiete und Gründer der "Alliance for Nature". Er wurde von der Bürgerinitiative "Freunde des Neusiedlersees" beauftragt, eine Dokumentation abzuliefern, damit Icomos, der internationale Rat für Denkmalpflege, mit Sitz in Paris, Gebrauch vom sogenannten "Heritage Alert" macht. Dieser Alarm wird nur ausgelöst, wenn aus einem Schriftkonvolut konkret hervorgeht, dass ein Kulturdenkmal offensichtlich bedroht ist. Icomos übt für die Unesco eine evaluierende Funktion aus und könnte empfehlen, das Gebiet auf die "Rote Liste des gefährdeten Welterbes" zu setzen. Bei Nichteinstellung oder Weiterführen der Bauvorhaben wäre die allerletzte Konsequenz eine Aberkennung des Unesco-Welterbe-Status.

"Wir haben das 200-seitige Schriftwerk letzte Woche nach Paris geschickt", sagt Rudolf Golubich. Er ist das öffentliche Gesicht der Initiative und hat auch eine Online-Petition ins Leben gerufen. Mit dem fünfstelligen Betrag der gesammelten Spendengelder konnte die Niederschrift finanziert werden. Die "Freunde des Neusiedlersees" haben Verstärkung im in Breitenbrunn benachbarten Verein "Wir sind der See" gefunden. Dass der Neusiedler See vielen am Herzen liegt, zeigen die Unterstützungserklärungen von 17 NGOs und Initiativen von unter anderem der Aktion 21 pro Bürgerbeteiligung, der Initiative Steinhof sowie zahlreichen Segelvereinen und Yachtclubs in der Region und dem Naturhistorischen Museum Wien.

Auch in Ungarn wird gebaut

"Mit Sorge beobachten wir einen Dominoeffekt direkt am Seeufer", argumentiert Schuhböck, der die Problematik eingehend studiert hat. "Eine Gemeinde plant etwas, zieht die Finanzierung durch und im Nu macht es die Nachbargemeinde genauso. Wir sehen ein Lauffeuer, das sich rund um das burgenländische Feuchtgebiet entwickelt hat." Und es betreffe nicht nur die österreichische Seite des Sees, auch in Ungarn in Fertörákos gehe man den Schritt zum Ganzjahrestourismus. Dort werde an einem Seebad gearbeitet und an den Wasserrohren, damit diese im Winter nicht einfrieren. "Dieser internationale grenzüberschreitende Aspekt ist ebenso wichtig wie eine mögliche Verletzung sämtlicher Schutzkategorien, um einen Alert zu erreichen", meint Schuhböck. "Leider brennt der Hut. Es wird gebaut und vieles befindet sich in einer Fertigstellungsphase." Eine Umwidmung, eine Rücknahme von Bewilligungen oder gar ein Rückbau sei sehr schwierig. "Aus Erfahrung kann ich aber sagen, dass ich mit solchen genauen Dokumentationen an die internationale Behörde schon erfolgreich war." Das war etwa im Fall der Verbauung des Otto-Wagner-Areals oder beim Semmering-Basistunnel so.

Für die Bürgerinitiative heißt es warten auf Paris, aber auch hoffen auf Dialog. Eine wichtige Rolle dafür ist Icomos Austria, wo Ulrike Herbig federführend ist. (Die "Wiener Zeitung" hat sie bereits dazu interviewt.) Von Herbig heißt es unter anderem, dass eine Nähe zur Bautradition und ein sanfter Ausbau des Tourismus empfehlenswert wären. Aber je mehr der See zugebaut werde, desto eher gehe er verloren. Ähnlich sieht es Vereinsobmann Rudolf Golubich: "Es kann nicht sein, dass alles Widmungsmögliche verbaut wird. Ganzjähriger Tourismus soll und kann direkt am See nicht stattfinden, wo dauerhaftes Wohnen und Hauptwohnsitze untersagt sind. Leider ist eine Tendenz zu Luxusressorts und der Fokus auf eine wohlhabendere Klientel erkennbar."