• vom 02.04.2018, 16:09 Uhr

Österreich

Update: 02.04.2018, 16:21 Uhr

Arbeitsmarkt

Die Perspektive der Spezialisten




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Den österreichischen Ableger gibt es seit Ende 2012. Zunächst wurde ein Verein gegründet, seit 2014 ist Specialisterne ein Unternehmen mit Sitz im vierten Wiener Bezirk. "Zu Beginn war die Idee sehr stark sozial und weniger von einem Businessgedanken geprägt", erzählt Kuno Gruber, Teil der Geschäftsführung und Coach bei Specialisterne. Man sei dadurch gegenüber Firmen schnell in die Position eines Bittstellers gekommen. "Das haben wir in den letzten Jahren geändert". Dem Projekt, Menschen mit Autismus ins Unternehmen aufzunehmen, würden die Firmenvertreter rasch mit viel Sympathie gegenüber stehen. "Aber wenn es konkret wird und dann auch um das Monetäre geht, hat es oft schon ganz anders ausgesehen", erzählt Gruber. Die vorherrschende Gesinnung sei leider, dass alles, was aus dem Sozialbereich kommt, nichts kosten darf. "Deswegen haben wir uns dazu entschieden, stärkenorientiert zu arbeiten." Seitdem ist Specialisterne ein "Social Business". Derartige Unternehmen setzen sich zum Ziel, gesellschaftliche Problemstellungen mit wirtschaftlichen Mitteln zu bearbeiten. Die Betreuungs- und Vermittlungsleistung von Specialisterne wird von den Unternehmen bezahlt. Mittlerweile gibt es bei Specialisterne sechs Mitarbeiter im Kernteam, darunter eine klinische Psychologin und zwei Coaches. Diese sind für den Vermittlungsprozess maßgeblich verantwortlich.

Mögliche Arbeitsfelder
Laut Specialisterne bewerben sich pro Jahr etwa 80 Personen um die Ausbildungsplätze. (Alle Menschen über 18, bei denen Autismus diagnostiziert wurde, können sich melden.) Rund die Hälfte davon kommt ins Vermittlungsprogramm. Die meisten der aufgenommenen Bewerber sind Menschen mit dem Asperger Syndrom, wie Hillebrand erzählt. Mit dem Slogan "Liebe zum Detail" möchte das Unternehmen die Stärken seiner Mitarbeiter hervorheben. "Die meisten Menschen mit Autismus haben Genauigkeit und eine Detailfokussierung stärker ausgeprägt als neurotypische Menschen", sagt Hillebrand. Dadurch könnten leichter Abweichungen von einer bestimmten Normvorstellung, etwa in Produktionsabläufen, erkannt werden. "Die Gabe zur Mustererkennung geht häufig mit einem sehr guten analytischen Verstand einher", sagt Hillebrand. Diese Fähigkeiten würden Kandidaten von Specialisterne für Arbeitsplätze in der Qualitätssicherung äußerst geeignet machen.

Abgesehen davon sind die meisten der vom Unternehmen vermittelten "Spezialisten" in der IT-Branche, vor allem im Bereich der Softwaretests, oder in administrativen Jobs, zum Beispiel in der Lohnverrechnung oder der Buchhaltung, tätig. "Unsere Kandidaten sind überall gefragt, wo Kontrolle und exaktes Arbeiten gefragt sind", sagt Hillebrand. Im Schnitt werden nach Unternehmensangaben jährlich fünfzehn bis zwanzig Personen an diverse Firmen vermittelt.

Zum Vorstellungsgespräch werden die Firmenvertreter immer in die Räumlichkeiten von Specialisterne eingeladen, damit sich die Kandidaten in einem gewohnten Umfeld präsentieren können. "Beim Bewerbungsgespräch ist auch immer jemand von uns dabei. Da lassen wir niemanden allein", sagt Hillebrand. Zuvor gibt es wochen- oder monatelange Trainingseinheiten, bei denen nicht nur die kognitiven Fähigkeiten weiter gestärkt werden, sondern auch Bewerbungsgespräche simuliert werden. Klietmann, der für Specialisterne mittlerweile sogenannte "Querdenker"-Workshops im Bereich des Innovationsmanagements hält, sagt: "Man kann soziale Interaktion lernen. Bis zu einem gewissen Grad bleibt es zwar eine Fremdsprache, aber auch eine Fremdsprache kann man lernen."

Kommt es zu einer Anstellung, kümmert sich Specialisterne auch um die anfängliche Begleitung im Unternehmen. Nach den ersten zwei Wochen leiten die Trainer einen Workshop in der jeweiligen Firma, an dem sowohl der neue Mitarbeiter als auch das Team teilnimmt. "Wir erklären kurz, was Autismus ist und dann geht es darum, dass das Team zueinanderfindet und Regeln für den Umgang festgelegt werden", erzählt Hillebrand. "Unserer Erfahrung nach macht es schon einen riesigen Unterschied, wenn ein bisschen Bewusstsein vorhanden ist. Dann gibt es eigentlich keine Probleme", sagt sie. Klietmann wünscht sich eine differenziertere Betrachtung von Menschen im Autismusspektrum. "Ich verstehe die Faszination für etwas, das anders ist. Aber es gibt etwas zwischen den Extremen: ‚das sind die Behinderten‘ und ‚das sind die Supergenies‘", sagt er.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-02 16:15:06
Letzte Änderung am 2018-04-02 16:21:55


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