Wien/Pfäffikon. Das Bangen beim Bekleidungshändler Charles Vögele nimmt kein Ende. Am Dienstag musste die Modekette mit Sitz in Kalsdorf am Landesgericht Graz die Eröffnung eines Sanierungsverfahrens ohne Eigenverwaltung beantragen. Das Unternehmen führt jedoch die Gespräche mit potenziellen Käufern fort. "Wir wollen nach Möglichkeit keine Filialen schließen", sagt eine Unternehmenssprecherin auf Nachfrage. Es gäbe "vielversprechende Gespräche" mit einem potenziellen Käufer.

Bis 2016 lief das Geschäft bei Vögele eigentlich ganz gut. Nach dem Börsengang 1999 wuchs das Unternehmen zum größten Bekleidungshändler in Europa mit 760 Filialen in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Belgien, Niederlanden, Slowenien und Ungarn. 2016 wurde die schon leicht kriselnde Modekette dann von der italienischen Investmentgruppe Sempione Fashion um OVS übernommen. Anfang Juni 2018 hatte die Schweizer Mutter OVS die Pleite angekündigt, alle 140 Schweizer Filialen wurden geschlossen und die 1200 Mitarbeiter ohne Sozialplan gekündigt. Für Österreich wurde ein Sanierungsplan erstellt, der jetzt auch im Sanierungsverfahren zur Anwendung kommt, erklärt Rene Jonke vom Kreditschutzverband.

Insolvenzfonds zahlt Gehälter

Laut Kreditschutzverband schuldet das Unternehmen rund 32,9 Millionen Euro. Dem gegenüber stehen Vermögenswerte von 12,9 Millionen Euro. "Wir haben nun eine Gläubigerquote von 20 Prozent über die nächsten zwei Jahre beantragt", erklärt Jonke. "Die Zeit war einfach zu knapp", sagt Geschäftsführer Thomas Krenn gegenüber der APA. Um die gesetzlich vorgeschriebenen Bestimmungen zu erfüllen, habe man ein Insolvenzverfahren einleiten müssen. Notwendig wurde das, weil mit Ende Juli die Gehälter und das gestundete Urlaubsgeld der insgesamt 711 Mitarbeiter fällig werden, die das Unternehmen nicht bezahlen kann. Diese werden jetzt im Zuge des Sanierungsverfahrens vom staatlichen Insolvenzentgeltfonds bezahlt. Dieser wird von allen Arbeitgebern gespeist.

Sehr viel Zeit haben die Eigentümer nicht, um eine Lösung zu finden. "In zwei bis drei Wochen sollte der Verkauf abgewickelt werden", erklärt Jonke. Denn die Fortführung des Betriebs im Zuge der Sanierung müsse Vögele selbst finanzieren. Allein in Österreich gibt es 102 Filialen. Von Kalsdorf aus wird das Geschäft in Ungarn und Slowenien geleitet. Insgesamt sind gut 1000 Menschen bei der Modekette noch beschäftigt. Angestrebt wird eine sogenannte ganzheitliche Lösung. Ein Investor soll also bestenfalls alle Standort übernehmen und den Betrieb mitsamt allen Mitarbeitern fortführen.

Ein potenzieller Käufer, dessen Identität aber noch nicht preisgegeben wird, führe schon intensive Gespräche, heißt es. Gelingt keine Einigung, dann droht der Modekette die Zerschlagung. Dann werden die Sandorte einzeln an Interessenten wie Billa, Spar oder dm verkauft, und ein Großteil der Mitarbeiter verliert seinen Job. "Das wäre das Worst-Case-Szenario", meint Jonke.

Modemarkt unter Druck

Das Land Steiermark, in dem sich der Firmensitz befindet, hat am Dienstag Hilfe zugesagt. "Natürlich hoffen wir, dass Vögele rasch mit dem Sanierungsverfahren starten kann und möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Jobs behalten", so Landeshauptmannstellvertreter Michael Schickhofer und Soziallandesrätin Doris Kampus (beide SPÖ) in einer Aussendung. Man werde Gespräche mit dem AMS aufnehmen, um nach einer Lösung für die dortigen 200 Vögele-Mitarbeiter zu suchen.

Ob auch im Falle einer ganzheitlichen Übernahme alle Standorte beibehalten werden und somit alle Mitarbeiter ihren Job behalten können, steht noch in den Sternen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass defizitäre Geschäftslokale geschlossen werden und Mitarbeiter entlassen werden.

Wie andere Modeketten auch, bewegt sich Vögele in einem harten Umfeld. Bereits 2020 soll jedes dritte Kleidungsstück online gekauft werden, zeigt eine aktuelle Analyse von RegioData Research. 2017 war Vögele noch mit einem Marktanteil von drei Prozent die Nummer zehn am heimischen Bekleidungsmarkt. Und auch die ganz großen Modeketten wie H&M, Zara und C&A straucheln ob der wachsenden Konkurrenz aus dem Internet. Ihre Umsätze stagnieren. Österreichweit sind die Verkaufsflächen der zehn größten Bekleidungshändler von 860.000 Quadratmeter im Jahr 2016 auf 780.000 Quadratmeter zurückgegangen; Tendenz sinkend.