Wien. Für Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber gab es härtere Sommer als diesen. Die Strompreise steigen, was für die Verbraucher schlecht ist, für den Verbund aber gut. Das erste Halbjahr lief mit einem Konzerngewinn von 227,5 Millionen Euro mehr als gut, die Aktie steigt. Die anhaltende Hitzewelle und der niedrige Wasserstand machen aber der heimischen Energieerzeugung zu schaffen. Die Situation im Sektor erneuerbarer Energie ist angespannt.

"Wiener Zeitung": Zumindest wegen der Bilanzen mussten Sie diesen Sommer nicht schwitzen.

Wolfgang Anzengruber: Wir haben die Gewinnerwartung für den Rest des Jahres erhöht anlässlich des Halbjahresberichts. Es läuft ganz gut.

Der niedrige Wasserspiegel macht sich auch in Ihrem Geschäft bemerkbar. Die großen Wasserkraftwerke fahren nur noch mit halber Kraft, die kleinen überhaupt mit einem Drittel. Muss man sich Sorgen um die Stromversorgung machen?

Wir sehen, dass vor allem im August die Wasserführung deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Wir reden hier von 40 Prozent unter dem 30-jährigen Durchschnitt. Wenn wir aber das gesamte Jahr betrachten, liegen wir bei zwei Prozent unter dem Durchschnitt. Die Speicherkraftwerke sind programmgemäß gefüllt. Dort macht sich das stärkere Abschmelzen der Gletscher bemerkbar. Wir sehen aber schon eine langfristige Veränderung in der Wasserführung. Bei der Ökostromerzeugung spielt der Wind eine große Rolle und wir haben hier auch eine Flaute. Die Photovoltaik kann das nicht kompensieren. In Summe ist die Situation im erneuerbaren Bereich angespannt. Das Gaskraftwerk im Mellach wird fast täglich abgerufen, um die Stromversorgung zu stabilisieren.

Die Klimastrategie der Bundesregierung sieht vor, dass die heimische Stromproduktion ab dem Jahr 2030 bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen muss. Jetzt sind wir bei 75 Prozent. Ist das realistisch?

Ja, das ist technisch grundsätzlich möglich. 2030 ist aber sehr ambitioniert. Die Volatilität der erneuerbaren Energie ist, wenn man so will, ihr Nachteil. Erneuerbare haben sehr viele Vorteile, aber was den Einsatz betrifft, sind sie volatil. Wir brauchen eine noch dichtere Vernetzung in Europa, um den Strom von dort, wo er produziert wird, dorthin zu bringen, wo er gebraucht wird. Heute leiden wir eher an den Engpässen der Übertragungsnetze. Die zweite Facette ist, dass wir mehr Energiespeicher brauchen werden. Die Energiespeicher, die wir jetzt haben, sind im Wesentlichen fossile Speicher - Kohle, Gas, Erdöl. Im erneuerbaren Bereich haben wir nur die Pumpspeicher. Der dritte Aspekt, um die Volatilität auszugleichen, ist intelligente Digitalisierung; die Volatilität der Erzeugung mit der Flexibilität beim Verbraucher zu verbinden.