• vom 10.10.2018, 19:00 Uhr

Österreich

Update: 11.10.2018, 11:36 Uhr

Aspergersyndrom

"Autisten brauchen mehr Platz, um sich zu entfalten"




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Von Benjamin Schacherl

  • Johannes Klietmann hat das Aspergersyndrom, einen Doktor in Paläobiologie und hält Workshops über Innovationsmanagement.

Johannes Klietmann erklärt, wie ein Berufsleben mit Autismus ist. - © Benjamin Schacherl

Johannes Klietmann erklärt, wie ein Berufsleben mit Autismus ist. © Benjamin Schacherl

Wien. Mit vier Jahren hat sich Johannes Klietmann das Lesen selbst beigebracht. Nach der Schulzeit hat er in Mindestzeit studiert und das Doktoratsstudium Paläobiologie absolviert. Vor rund zwei Jahren, mit 32, bestätigte eine Reihe von Tests schließlich Klietmanns Vermutungen - es wurde Autismus diagnostiziert. Die Weltgesundheitsorganisation kategorisiert Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung. In Österreich gibt es Schätzungen zufolge 90.000 autistische Menschen. Johannes Klietmann hat das Aspergersyndrom, eine Form von Autismus, die in der Regel ohne Intelligenzminderung auftritt. Für Specialisterne (dänisch für "Spezialisten"), ein Unternehmen, das Autisten Arbeitsplätze im regulären Arbeitsmarkt vermittelt, veranstaltet er Vorträge über Autismus und "Querdenker"-Workshops. Klietmann erklärt, wie er die Welt wahrnimmt, mit welchen Klischees er konfrontiert ist und welche Jobperspektiven Menschen mit Autismus haben.

"Wiener Zeitung": Wie haben Sie erfahren, dass Sie Autist sind?

Information

Wissen:

Specialisterne (dänisch: "Spezialisten") ist ein soziales Unternehmen, das weltweit eine Million Autisten in den regulären Arbeitsmarkt bringen will. Die größte Hürde ist das klassische Bewerbungsgespräch, an dem 80 Prozent der Menschen mit Autismus scheitern. Specialisterne wurde 2004 von Thorkil Sonne in Dänemark gegründet. Seit 2011 gibt es einen Ableger in Wien.

Johannes Klietmann: Ich habe eine Doku über Menschen gesehen, die überragende Fähigkeiten haben. Da hab ich mir gedacht, dass mir das alles bekannt vorkommt. Dann wurde das Aspergersyndrom erwähnt.

Welche Fähigkeiten meinen Sie?

Menschen mit Autismus tun sich leicht, Fakten und Zahlen zu lernen. Sie sind sehr präzise und haben eine Wahrnehmung, die von Detailgenauigkeit geprägt ist. Wenn ich ein Buch lese, stolpere ich über jeden Rechtschreibfehler, ohne darauf geachtet zu haben. Wenn ich aber zum Beispiel eine Straße entlangschaue, tue ich mich wahnsinnig schwer, sie auf einmal komplett zu betrachten.

Sie halten für Specialisterne Workshops im Bereich des Innovationsmanagements. Worum geht es?

Die Unternehmen erkennen, dass Mitarbeiter mit autistischer Wahrnehmung andere Lösungsansätze bringen. Ein Mensch mit Autismus muss sich seine Gedanken selbst bilden, weil die Art, wie er die Welt sieht, nicht mit der allgemeinen Sichtweise übereinstimmt. Wenn also jemand sagt: "Das ist so", muss ich mir das ein bisschen genauer anschauen, damit ich verstehe, was derjenige meint. Ich bin gut darin, die Logik hinter einem Prozess zu suchen und zu verstehen.

Wie äußern sich die Nachteile autistischer Wahrnehmung?

Das Unterbewusstsein leitet mehr an das Bewusstsein weiter, als es verarbeiten kann. Je stärker autistische Züge ausgeprägt sind, desto schwächer ist die Filterfunktion ausgeprägt. Jemand, der nichts filtern kann, wird oft von Eindrücken erschlagen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-10 18:09:41
Letzte Änderung am 2018-10-11 11:36:32


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