Wien. (ede/apa) Angesichts des herannahenden Brexits ist Abwarten und Tee trinken keine gute Strategie. Österreichische Unternehmen sollten sich vorbereiten, insbesondere auf einen "No-deal-Brexit", also einen ungeregelten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU. Die Briten würden in diesem Fall ab dem 30. März 2019 ohne Übergangsphase den EU-Binnenmarkt und die EU-Zollunion verlassen und wären wie ein EU-Drittstaat zu behandeln.

Die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) hat eine Checkliste für Unternehmen aufgelegt, in der ausgewählte Problemfelder - darunter Warenverkehr, gewerbliche Schutzrechte, Steuern und Personal - aufgezeigt werden. So können sich Wirtschaftstreibende schon einmal auf neue Hürden im Handel mit dem Vereinigten Königreich, dem zehntwichtigsten Handelspartner Österreichs, einstellen. Im vergangenen Jahr gingen Waren im Wert von 3,9 Milliarden Euro in das "United Kingdom". Dem standen 2,5 Milliarden Euro an Importen gegenüber, für die künftig volle EU-Drittlandzölle zum Tragen kommen.

"Der Brexit wird nicht spurlos an uns vorübergehen", betonte Kanzleramtsminister Gernot Blümel am Donnerstag in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit WKO-Präsident Harald Mahrer. Blümel hofft auf Kompromissbereitschaft der Briten. Im Bundeskanzleramt wurde eine eigene Brexit-Taskforce für ein No-Deal-Szenario einberufen.

Der frühere EU-Kommissar Franz Fischler blickt indes pessimistisch auf die Schlussphase der Verhandlungen. "Die Chance, dass wir eine halbwegs vernünftige Verhandlungslösung am Ende des Tages auch in Kraft sehen werden, die sind zur Zeit nicht einmal bei 50 Prozent", sagte Fischler bei einer Veranstaltung des Business Circle in Wien. Das eigentliche Problem sei die britische Seite. "Die Anhänger des harten Brexit sind im britischen Parlament noch immer ziemlich zahlreich", so der Präsident des Europäischen Forums Alpbach. Extrem heikel ist für die Briten die Frage der Grenzkontrollen zwischen Irland (seit 1973 EU-Mitglied) und dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland.

Bei einem geregelten Austritt würden die Briten bis zum 31. Dezember 2020 weiter wie ein EU-Mitgliedsstaat behandelt werden und noch weitere 21 Monate im EU-Binnenmarkt und in der EU-Zollunion verbleiben. Für die Wirtschaft wäre dann mehr Zeit, um sich auf die neuen Bedingungen einstellen und eventuell Verträge überarbeiten zu können.

Vor allem Unternehmen mit Just-in-time-Lieferungen wären von massiven Behinderungen im Warenverkehr betroffen. An den Verladehäfen Calais und Dover werden derzeit 500 Lkw pro Tag abgefertigt. Im Fall eines harten Brexit wären es mit einem Schlag 10.000. Selbst wenn alle zwei Minuten ein Lkw abgefertigt wird, würde ein dauerhafter Stau von 27 Kilometern Länge entstehen. Allein durch Verspätungen würden laut Hochrechnungen den Unternehmen Kosten von 250 Millionen Pfund pro Tag erwachsen, so Mahrer.

Die Beendigung der Personenfreizügigkeit - eine der vier EU-rechtlich verankerten Grundfreiheiten - wird vermutlich zur Folge haben, dass EU-Bürger, die nach dem Brexit ins Vereinigte Königreich gehen, Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen brauchen. Die 250 österreichischen Betriebe mit Niederlassungen in UK beschäftigen derzeit rund 40.000 Mitarbeiter.