In Zukunft: Jonglieren zwischen Erwerbs-, Pflege-, Familien- und Bildungsarbeit. - © © TRBfoto/Blend Images/Corbis
In Zukunft: Jonglieren zwischen Erwerbs-, Pflege-, Familien- und Bildungsarbeit. - © © TRBfoto/Blend Images/Corbis

"Wiener Zeitung": Was lässt sich aus der Geschichte der Arbeit für die Zukunft ableiten?

Josef Ehmer: Man kann lernen, dass die Definition von Arbeit variabel ist. Wenn wir heute von Arbeit sprechen, meinen wir ausschließlich bezahlte Erwerbsarbeit. Erwerbsarbeit hat sich erst in der Neuzeit und im späten Mittelalter etabliert. Wenn wir in Zukunft Arbeit in Blick nehmen, müssen wir fragen, welche anderen Formen von Arbeit gibt es auch in unserer Gesellschaft und hat es in der Geschichte immer gegeben? Dazu gehören Hausarbeit, Pflegearbeit, Freiwilligenarbeit und Ausbildung. Hausarbeit war 150 Jahre lang eine Aufgabe von Hausfrauen, vorher von Mägden. Es könnte sein, dass in Zukunft wieder Verlagerungen stattfinden. Vom Pizzaservice bis zur schwarzarbeitenden Putzfrau.

Josef Ehmer, Wirtschafts- und Sozialhistoriker an der Uni Wien.
Josef Ehmer, Wirtschafts- und Sozialhistoriker an der Uni Wien.

Welche Ereignisse haben in der Vergangenheit einen Wandel der Arbeitswelt bewirkt?

Verallgemeinernd kann man sagen, dass das Wirtschaftswachstum und der Wandel der wirtschaftlichen Sektoren die Tätigkeiten verändert haben.

Zukunftsforscher sprechen von Parallelarbeitern, Brotjobbern und Jobwechslern, die in der Arbeitswelt Usus werden. Ein Mythos?

Ich denke schon, dass in diesen Entwicklungen ein wahrer Kern steckt. Dass Menschen im Laufe ihres Lebens bei unterschiedlichen Arbeitgebern und in verschiedenen Berufen tätig sind, hat es immer gegeben. Das zeigen Memoiren und Autobiografien. In den ersten beiden Dritteln des 20. Jahrhunderts hat das vielleicht etwas abgenommen. Jetzt ist es aber wieder im Zunehmen, da durch die schnelle technologische Entwicklung neue Arbeitsfelder geschaffen werden. Das ist eine Herausforderung an das Bildungssystem. Die Vorstellung, dass man seine Ausbildung mit 24 Jahren an der Universität abschließt und das fürs Leben reicht, ist absurd.

Was sollte Ihrer Meinung nach passieren?

Ich hielte es für vernünftig, die erste Phase der Ausbildung zu verkürzen und dafür im Laufe des Lebens immer wieder zwei bis drei Jahre eine Ausbildung einzuplanen, ohne zu arbeiten oder parallel dazu verkürzt zu arbeiten. In den letzten Jahrzehnten ist das größte Ausmaß an Freizeit im letzten Lebensdrittel entstanden - durch Frühpensionierungen. Das Arbeitsalter wird sich in Zukunft verlängern - vor 100 Jahren war es selbstverständlich, jenseits der 65 zu arbeiten -, dafür werden größere Freizeitphasen in den 30er und 40er Jahren verankert werden. Dass Sabbatical-Angebote zunehmen, ist ein Indiz dafür.