Stefan Schridde, Gründer des Blogs Murks-nein-danke, fordert im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" ein Umdenken.

"Wiener Zeitung": Sie haben Ihren Blog Murks-nein-danke heuer im Februar gegründet. Warum?

Stefan Schridde: Um Rechercheergebnisse aus dem Vorjahr öffentlich verfügbar zu machen. Ich hatte sie zunächst auf einem anderen Blog nur zusammengesammelt, und mit Murks-nein-danke wollte ich eine Community aufbauen.

Das heißt, Sie haben Anhaltpunkte für geplante Obsoleszenz gesammelt, also dafür, wie die Wirtschaft ihre Produkte kurzlebig macht.

Genau, ich habe geschaut, wo es schon Studien dazu gibt, die sind auch in der Linksammlung. Es gab auch schon erste gemeinschaftliche Aktivitäten für eine bürgerschaftliche Vereinigung.

Wie läuft der Blog?

Die Seite hat mittlerweile 1,3 Millionen Besucher. Bisher wurden mehr als 200 Murks-Meldungen veröffentlicht, und 400 weitere liegen in der Pipeline. Die werden alle von mir handverlesen nachbearbeitet.

Welche Produkte sind besonders betroffen?

Das geht eigentlich quer durch alle Produktgruppen und betrifft alle Hersteller. Das reicht von Staubsaugern über E-Books bis zu Schuhsohlen, die sich selbst auflösen, und Wäscheständern. Es dreht sich aber in erster Linie um alles, wo Strom durchfließt, weil sich mit Strom offensichtlich einiges steuern lässt. Da werden zum Beispiel Bauteile unterdimensioniert eingebaut. Teuer gleich hohe Qualität und billig gleich schlechte Qualität, das gilt heute nicht mehr.

Gibt es tatsächlich Belege dafür, dass die Hersteller tricksen?

Ja. Und es wurde sogar jüngst bestätigt, und zwar vom Leiter des Instituts für Produktentwicklung. Auf die Frage, ob es geplante Obsoleszenz gebe, sagte er: Nein, das nicht - aber es gebe eine geplante Gebrauchsdauer.

Der Berliner Betriebswirt Stefan Schridde hat im Februar 2012 den Internet-Blog www.murks-nein-danke.de ins Leben gerufen.
Der Berliner Betriebswirt Stefan Schridde hat im Februar 2012 den Internet-Blog www.murks-nein-danke.de ins Leben gerufen.

Die endet dann kurz nach dem Ablaufen der Garantiezeit?

Ja, so ungefähr. Genau hat er sich natürlich nicht geäußert. Aber er hat damit zumindest bestätigt, was ich selbst schon oft gefragt worden bin: Sind die Hersteller tatsächlich in der Lage, so etwas zu planen? Als normaler Konsument kann man sich das ja kaum vorstellen. Und er bestätigte mit seiner Aussage genau das. Ein guter Ingenieur ist tatsächlich in der Lage, alle Teile eines Produktes so zu entwickeln, dass sie nach Möglichkeiten zum selben Zeitpunkt den Geist aufgeben.

Dann lohnt sich Reparatur nicht.

Er verkauft das natürlich etwas netter. Er sagt, das sei ja nicht sinnvoll, ein Bauteil einzubauen, das drei Jahre hält, und eines, das zehn Jahre hält. So kann man das freilich auch darstellen. Ich habe hier in Deutschland schon an die Wettbewerbszentrale geschrieben: Wenn dem so ist, dass Hersteller eine geplante Gebrauchsdauer haben, müssen sie das doch kennzeichnen, damit ich das als Käufer weiß.

Gibt es da irgendeine gesetzliche Handhabe dagegen oder ist der Konsument da hilflos gegenüber dem Hersteller?

Gegenwärtig ist er hilflos, weil das Gesetz darauf überhaupt nicht eingeht. Es geht ja darum, ob das ein Mangel ist oder nicht. Wenn der Kunde von sich aus erwarten darf, dass ein Produkt auf Langlebigkeit ausgelegt ist, und er erfährt dann, dass es genau so nicht ist und sogar geplant werden kann, dann sollte er wenigstens darüber informiert werden. Da müssten die Gesetze endlich angepasst werden. Es wird an einer europäischen Ökodesign-Richtlinie gearbeitet, aber hier habe ich aus dem zuständigen Ministerium schon gehört, dass man das in die nächste Legislaturperiode verschiebt . . .

Ist das eine Auswirkung der Wegwerfgesellschaft?

Wir wollen doch als Kunde ein langlebiges Produkt kaufen, das reparierbar ist. Wir haben eine Ressourcendiskussion auf der ganzen Welt. Und auf der anderen Seite sind die Hersteller nicht bereit, über Qualitätskriterien zu diskutieren, die ja auch im Geschäftsbereich gang und gäbe sind. Ich höre dann immer das Argument: Wenn jeder langlebige Produkte produziert, dann kauft doch irgendwann keiner mehr was Neues. Aber Deutschland ist eine Exportnation, und alle Produkte, die wir in die Welt verkaufen, sind auf Langlebigkeit gebaut, sonst würde die keiner kaufen.

Sind denn wenigstens kurzlebige Teile billiger?

Was man gegenwärtig an den Meldungen sieht, dann ist es so, dass man etwa bei Kleinteilen, die in Plastik statt in Metall ausgeführt sind, in sehr vielen Fällen mit einem Euro mehr Materialkosten das Produkt zehn Jahre länger leben lassen könnte. Und bei Elektrokondensatoren weiß ich, weil ich mit Industrieberatern gesprochen habe, dass es ein Preisunterschied von jeweils einem Cent wäre, wenn man statt des billigen einen guten, der länger hielte, einbauen würde. Ein Siemens-Mitarbeiter hat mir einen Siemens-Bildschirm geschickt, wo er in der E-Mail selber schrieb: "Schande über Siemens." Da fallen bei den ganzen LCD-Bildschirmen, die sie dort haben, dieselben Kondensatoren auf der Platine aus, die für die Spannungswandlung zuständig sind, also Trafos quasi; die sind ausgerechnet an der heißesten Stelle angebracht worden. Das ist entweder dumm geplant oder . . .

Das sind jeweils drei Kondensatoren, da muss man schon sagen: Liebe Leute, ihr hättet um bloß drei Cent pro Bildschirm mehr auszugeben brauchen, aber ihr habt es nicht gemacht. Warum nicht?