Der Tempel Turnergasse, erbaut 1872, auf einer Postkarte. - © KÖR
Der Tempel Turnergasse, erbaut 1872, auf einer Postkarte. - © KÖR

2007 begannen sich Judith Pühringer und Michael Kofler für die jüdische Vorgeschichte des Hauses Herklotzgasse 21, in dem sie seit 2005 in einer Bürogemeinschaft sozialer Organisationen arbeiteten, zu interessieren. Auslöser war das Buch "Nachricht vom Verlust der Welt" von Inge Rowhani- Ennemoser (mandelbaum), eine biografisch- dokumentarische Erzählung über die Mutter der Autorin und deren Arbeit als Hausmeisterin in der Herklotzgasse 21 bis zum Jahr 1938. Erstaunt darüber, dass von dieser Geschichte in der Umgebung kaum etwas bekannt war, setzten sie sich zum Ziel, gemeinsam mit im Haus arbeitenden Künstlern ein erstes sichtbares Zeichen zu setzen. Sie luden den Autor, den Kunsthistoriker Georg Traska, dazu ein, historisch zu recherchieren und mehr über den Ort in Erfahrung zu bringen.

Nach einigen Monaten ist aus diesen vagen ersten Ideen ein umfangreiches Projekt geworden, das die Geschichte eines Viertels, ja einer weitläufigen jüdischen Vorstadtgemeinde, betraf, die die heutigen Bezirke XII bis XV umfasste und neben dem Gemeindehaus in der Herklotzgasse 21 vom Leben im Turnertempel in der Turnergasse und der orthodoxen Storchenschul in der Storchengasse geprägt war. Die Initiatoren nahmen Kontakt mit Menschen auf, die in diesem Viertel aufgewachsen und von hier geflohen waren. Die Absichten des Projekts wurden sehr positiv aufgenommen und so wurden die Initiatoren von einem zum nächsten Mitglied der zerstörten Gemeinde "weitergereicht" – in Österreich, Israel und den USA. Zugleich fragten österreichische Archive (Nationalfonds der Republik Österreich, Anlaufstelle der Israelitischen Kultusgemeinde) bei Vertriebenen aus diesem Stadtgebiet für das Projekt an – und nach sehr kurzer Zeit war eine repräsentative Gruppe von Menschen bereit, über ihre Lebensgeschichten und Erinnerungen zu sprechen. Mit finanzieller Unterstützung von Zukunftsfonds und Nationalfonds der Republik Österreich, der Stadt Wien, der Bezirksvorstehung Rudolfsheim Fünfhaus und allen voran der ERSTE-Stiftung gelang die kontinuierliche Entwicklung des Projekts über einige Jahre hinweg.

Haja Izhaki, Schülerin der Storchenschul, sollte den Holocaust überleben. - © "Strom der Erinnerung"
Haja Izhaki, Schülerin der Storchenschul, sollte den Holocaust überleben. - © "Strom der Erinnerung"

Ursula Henzl kam in einem nächsten Schritt als Kamerafrau zum Projektteam dazu. Bei zwei Reisen nach Israel 2007 und 2009 sowie in Wien entstanden etwa 100 Stunden Interviews mit 20 Zeitzeugen. Die Begegnungen, die Auseinandersetzung mit den Interviews und die Freundschaften, die daraus entstanden, wurden für das Team zu einer geistig und menschlich prägenden Erfahrung, die weit über das Projekt hinausreicht, und zu einer ungemein starken Motivation für die Arbeit. Plötzlich standen einander zwei "Gegenwarten" gegenüber. Die eine "Gegenwart" entdeckte das Team staunend auf diesen Reisen: das Weiterleben einer untergegangenen und vergessenen Wiener jüdischen Gemeinde in Israel und in deren vertriebenen Mitgliedern. Diese sind in ihrer Sprache und in ihrem Habitus so sehr Wiener, als hätten die 70 Jahre (heute bereits 75 Jahre) seit der Vertreibung diesem kulturellen Wesen kaum etwas anhaben können – und zugleich sind sie Israelis, die hier ein langes Berufsleben hinter sich haben, sowie Eltern, Großeltern, ja Urgroßeltern in dieser Gesellschaft und Kultur, die sie mit aufgebaut haben. Die andere "Gegenwart" lag in Wien halb verborgen unter der materiellen Oberfläche der Stadt und zwischen den archivarischen Dokumenten. Erst durch die Projektarbeit wurden Spuren eines einstigen Lebens wieder sicht- und spürbar. Zum Sprechen gebracht wurden die Spuren aber vor allem durch die Erinnerungen der Geflohenen.