Nun geht es aber, Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal, "ans Eingemachte". Der Leiter der Forschungsstelle in Grünau: "Wir fragen, ob die Intelligenz der Raben ähnlich funktioniert wie die der Menschen oder Schimpansen. Es soll festgestellt werden, ob Raben diese Leistungen instinktiv oder auf Basis einfachen Lernens zustande bringen, oder ob dahinter die Menschen und Schimpansen eigene Fähigkeit steht, einzuschätzen, was andere wissen und danach zu handeln." Denn eine "theory of mind", also die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, ist eine der Vorraussetzungen für die Entwicklung hochkomplexer Gesellschaften auf kognitiver Basis.

Im Frühjahr 2004 wurden an der Konrad Lorenz Forschungsstelle 13 Kolkraben (Corvus corax) aufgezogen. Das ist die größte, je in menschlicher Obhut gehaltene Gruppe von Raben. In zwei Forschungsprojekten wollen die Forscher im Verlauf der kommenden drei Jahre den geistigen Fähigkeiten dieser "geflügelten Schimpansen" weiter auf den Grund gehen. Die Jungraben kamen aus den Tiergärten Wuppertal und München. Sie wurden in einer großen Schau-und Forschungsvoliere im Grünauer Cumberland-Wildpark angesiedelt und können dort auch besucht werden.

Beide Rabenprojekte werden vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich) finanziert. Ziel ist es, die geistige Leistungsfähigkeit dieser Vögel genauer zu untersuchen:

Dr. Thomas Bugnyar, ein ehemaliger Dissertant der Forschungsstelle und Rückkehrer von einem zweijährigen Forschungsaufenthalt in den USA ("postdoc"), wird mit einigen Mitarbeitern erforschen, ob Raben, "mentale Repräsentationen" aufbauen, also wissen, was andere Raben wissen und sich so Vorteile verschaffen können. Ferner geht es um Politik, besonders wie Raben Allianzen schmieden.

Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal untersucht mit Dissertantin Mareike Stöwe und anderen Mitarbeitern, wie Neugierde und Intelligenz von Raben mit ihrer gleichzeitigen Scheu vor Neuem zusammenpasst. Ferner soll ein Vergleich mit den verwandten Dohlen (Corvus monedula) zeigen, in welchem Zusammenhang die geistigen Leistungen der Raben mit ihrer sozialen Organisation stehen.

Beide Projekte bedeuten einen großer Schritt vorwärts in der Erforschung des tierischen Bewusstseins (also des Wissens über das Wissen). Es geht daher nicht nur um die Raben selber. Vielmehr erfahren die Forscher dadurch, wie im Verlauf der Evolution auch das menschliche Denken im Zusammenhang mit Umweltbedingungen entstanden sein kann. Die Arbeit an Raben wird dazu beitragen, die ökologischen, sozialen Bedingungen für die Evolution von Intelligenz zu erhellen.

Kolkraben beeindrucken durch ihre Größe und haben einen mächtigen Schnabel. Ökologisch sind Raben ähnlich unspezialisiert wie wir Menschen auch. Sie können von Insekten und Würmern, aber auch Abfällen leben, schaffen es, Wölfen einen Teil ihrer Beute abzunehmen und machen sogar Jagd auf kleine Vögel und Säugetiere. Bis zum Alter von etwa vier Jahren leben Raben in Gruppen von bis zu 400 Tieren, die ständig wechselnde Untergruppen bilden. So legt ihre beinahe affenähnliche Biologie nahe, dass Raben nicht nur geistig rege, sondern auch sehr vorsichtig sein müssen.

Bereits Konrad Lorenz zog in den 1930-er Jahren Kolkraben auf und untersuchte das Verhalten dieser faszinierenden Vögel. An der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau wurde mit einer kontinuierlichen Forschung an den Raben 1992 begonnen). Nach Abschluss seiner Dissertation in Grünau absolvierte Thomas Bugnyar einen zweijährigen Forschungsaufenthalt an der Universität Vermont/USA bei Bernd Heinrich. Das ist eine der ersten Adressen der Welt, wenn es um Raben geht. Ein Rückkehrerprojekt des FWF ermöglicht es ihm nun, seine Erfahrungen in die Arbeit an der Lorenz Forschungsstelle einzubringen.